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Heinrich von Kleist

Das Land der Dichter und Denker lieben?

Deutschland wird oft als das Land der Dichter und Denker geschätzt. Vor die Hochachtung der nationalen Kulturgrößen sollte allerdings die sachliche Prüfung des gedachten und gedichteten Tiefsinns treten. Hier ein 200 Jahre altes Beispiel, allerdings mit Dauerbrennwert, wie es scheint:

Heinrich von Kleist:

Von der Liebe zum Vaterlande

Frage: Du liebst dein Vaterland, nicht wahr, mein Sohn?

Antwort: Ja, mein Vater, das tu ich.

Frage. Warum liebst du es?

Antwort. Weil es mein Vaterland ist.

Frage. Du meinst, weil Gott es gesegnet hat mit vielen Früchten, weil viele schöne Werke der Kunst es schmücken, weil Helden, Staatsmänner und Weise, deren Namen anzuführen kein Ende ist, es verherrlicht haben?

Antwort. Nein, mein Vater; du verführst mich.

Frage. Ich verführte dich?

Antwort. Denn Rom und das ägyptische Delta sind, wie du mich gelehrt hast, mit Früchten und schönen Werken der Kunst, und allem, was groß und herrlich sein mag, weit mehr gesegnet als Deutschland. Gleichwohl, wenn deines Sohnes Schicksal wollte, dass er darin leben sollte, würde er sich traurig fühlen und es nimmermehr so lieb haben, wie jetzt Deutschland.

Frage. Warum also liebst du Deutschland?

Antwort. Mein Vater, ich habe es dir schon gesagt!

Frage. Du hättest es mir schon gesagt?

Antwort. Weil es mein Vaterland ist. [1]

Zu Lebzeiten soll Kleist, wie andere deutsche Denker auch, in seiner Dichterseele daran gelitten haben, dass es das hier thematisierte Objekt der Zuneigung, die deutsche Nation, als politischen Verband gerade nicht gab. Um so mehr inspirierte das zu Kleinstaaten verkommene Deutschland die Sehnsüchte des Dichters, der in seinen Schriften für die Nation wirbt, als sei seinem Gemüt sonst der Boden eines so selbstverständlichen wie natürlichen Gefühls entzogen. Ohne Nation hat es das Nationalgefühl schwer.

Von daher ist sich im oben stehenden Text der Vater ganz sicher, dass sein Zögling mit ihm die Vaterlandsliebe als Selbstverständlichkeit teilt: nicht wahr, mein Sohn? Anspruchsvollerweise will er den Konsens aber offenbar auf die Probe stellen und fordert einen Grund ein. Die Antwort des Sohnes erscheint so brav wie platt: Ich liebe mein Vaterland, weil es mein Vaterland ist. Das ist der Form nach eine Begründung (weil), dem Inhalt nach aber im Grunde nichts als die Wiederholung der Aussage selbst. Als sei er also unzufrieden mit der tautologischen Auskunft des Sohns, trägt der Vater ihm die vermeintlich übersehenen „Gründe“ an: der materielle und ideelle Reichtum des Landes.

Interessant, dass vor 200 Jahren wie heute sehr ähnliche gedankliche Verdrehungen nötig sind, um die Erzeugnisse eines Landes als Grund dafür zu zitieren, dass der gewöhnliche Insasse eben das Land, dem er zugehört, selbst schätzen soll. Dass Gott das Land mit vielen Früchten gesegnet habe, ist doch wohl, vorsichtig gesagt, eine Verwechslung mit der selbst einem Dichter bekannten Tatsache, dass die Bauern die Nahrung im Reich erarbeiteten, ohne selbst satt, geschweige denn reich zu werden. Genau von dieser ihrer Not und Armut, von der Schufterei für den Reichtum anderer mussten die Produzenten allerdings absehen, wollten sie die deutschen Lande für ihren Reichtum preisen.

Und dann war auch damals schon den Patrioten der Verweis auf die Dichter & Denker geläufig: Das Vaterland verdient Liebe, weil viele schöne Werke der Kunst es schmücken. Der deutsche Bürger soll also nicht einfach ein Gedicht schätzen, sondern an diesem, dass es ein Deutscher zum Schmuck des Landes gedichtet hat, und das soll er genau deswegen, weil er, der Leser, selbst auch Deutscher ist. So dass er dann, angeblich wegen des Gedichts, Deutschland hochschätzen kann. Auch hier wieder ein Absehen, eine Abstraktion von der Sache selbst (hier: der Kunst). Denn die als Beweis für die Richtigkeit der Liebe zur Nation bemühte Kunst interessiert eben genau als Zierwerk der Nation, ihre Zugehörigkeit zur Nation ist die Eigenschaft, auf die es ankommt. Deswegen darf Kleists väterlicher Patriot auch lässig davon absehen, dass ein großer Teil der Inländer, die er über die Kunst für die Nation begeistern will, seinerzeit nicht mal lesen konnte.

Dem entspricht es, wenn heutzutage Leser der Bild-Zeitung, nach den Motiven ihres Patriotismus befragt, Goethe sagen, ohne auch nur einen Vers von ihm zu kennen. Oder Exportweltmeister sagen, ohne selbst je etwas exportiert oder gar Gewinn davon gemacht zu haben.

Aufschlussreich ist von daher die Wendung in Kleists Text, die nämlich im Grunde gar keine ist. Der Sohn also weist die angebotenen Motive der Vaterlandsliebe zurück und entdeckt sie vielmehr als Falle: du verführst mich. Er belehrt den Vater, und damit Kleist den deutschen Leser, dass Vaterlandsliebe keine Begründung verträgt. Er klärt darüber auf, dass die als Gefühl der Liebe gefasste Zustimmung zur Nation bedingungslos zu sein hat und sich nicht nach Güterabschätzungen und womöglich persönlichen Berechnungen zu richten hat. So als wäre das Vaterland eine Weinmarke oder Käsesorte, etwas, was man sich im Waren- oder Ländervergleich aussuchen könnte. Da würde, so der Sohn, Deutschland womöglich gar nicht so gut abschneiden. Kurzum: Er beharrt also auf der platten Tautologie vom Anfang, dass man das Vaterland liebt, weil es das Vaterland ist.

In dieser seiner rohen Parteilichkeit hat der Sohn, und mit ihm sein Erfinder Kleist, recht. Patriotismus ist nämlich die praktische Bereitschaft, sich einer nationalen Herrschaft vom Steuerzahlen bis zum Kriegsdienst unterzuordnen. Und er ist die theoretische Verrenkung, sich das als Dienst an einer höheren, nicht hinterfragbaren, schicksalhaften Gemeinschaft zurechtzulegen. Der Patriotismus kann und will also nicht das Ergebnis von vernünftiger Überlegung sein. Diese Vaterlandsliebe, also die absonderliche Leistung, einem nationalen Kollektiv eine persönliche Zuneigung entgegenzubringen, kann vielmehr nur dem gelingen, der von den Unterschieden und Gegensätzen im nationalen Gemeinwesen absieht, um sich selbst in ihm als gleichwertiges Mitglied – als Deutscher – aufgehoben zu fühlen und wertzuschätzen. Und diesen verkehrten Gedanken beansprucht er für sich als Gefühl, das sich im Grunde von selbst verstehe und unbedingt natürlich sei.

Andererseits werden, so als bräuchte das Gefühl wiederum doch die Hilfestellung der berechnenden Vernunft, vom Bürger gute Gründe für die Vaterlandsliebe aufgelistet, von der Sorte: warum er es mit seinem Land so gut getroffen habe. Was diesen Widerspruch angeht, kann man also an dem Kleist-Text die Bloßstellung entdecken, dass die populären Begründungen des Patriotismus eine theoretische Falle sind insofern, als all die sachlichen Gründe nicht als sachliche gemeint und ernst zu nehmen sind, sondern nur als Zeugen eines Zugehörigkeitsgefühls aufgefahren werden, das auch ohne sie feststeht, als Motive einer nationalen Parteilichkeit, die letztlich gerade nicht von ihnen abhängen darf. Wo an diesen sachlichen Motiven des Patriotismus nie die Sache, sondern nur die Nationalfarbe interessiert, hier: dass sie eben deutsch sind, da kürzen sich die Motive selbst heraus und die scheinbaren Begründungen der Vaterlandsliebe bleiben so tautologisch wie die erste Antwort des Sohnes.

Nur wollte Kleist selbst hiermit keineswegs über die Unvernunft der Vaterlandsliebe aufklären, um von ihr abzuraten. Im Gegenteil. Er hielt ihre Unvernunft für den Ausweis ihrer „Natürlichkeit“ und damit glatt für einen guten Grund für sie. Es ist also sorgfältiges Misstrauen angesagt, wenn von den geistigen Schätzen deutscher Dichter & Denker zu hören ist. Und ihretwegen Deutschland zu lieben, ist wie gesagt sowieso verkehrt.


[1] Heinrich von Kleist, Sämtliche Werke. Hrsg. v. Paul Stapf. Berlin 1964, S. 1052


Internet-Adresse dieses Textes: http://www.arguschul.net/Deutsch/Vaterland.html

©  2015, Redaktion „Argumente zur Schule“, Stand: 2015-01-26zum Anfang der Seite