Argumente zur Schule   –  Kritische Gedanken zur Schule und ihrem Lernstoff

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Ein echter Knaller für den Ethik-Unterricht:

Das Inzestdrama von Amstetten

Die Bestie mitten unter uns

Die Sache: Schlicht unbegreifbar!

Da wird aus der österreichischen Provinz einmal echt Spannendes gemeldet. Die Weltpresse fällt auch gleich mit Hundertschaften in die Kleinstadt im Mostviertel ein und interviewt alles, was nicht bei Drei auf den Bäumen ist, schnüffelt und stiert jeden erreichbaren Dreck auf, um den moralischen Voyeurismus der globalen Gemeinde der Anständigen mit allem wünschbaren Stoff zu versorgen. Die Welt schaut auf Amstetten und sieht mit Abscheu und Interesse, was sie lange nicht gesehen hat: Ein Familienvater vergewaltigt die eigene Tochter, nicht einmal, sondern über 24 Jahre immer wieder; dafür sperrt er seinen Schatz in ein Verlies im Keller des eigenen Hauses, den er dafür umsichtig ausbaut. Mit seiner Gefangenen gründet der Kerkermeister eine zweite, geheime, unterirdische Familie und macht ihr Kinder. Von denen überführt er über die Jahre einige in seine offizielle, im zugänglichen Teil des Hauses lebende Familie, indem er das eigene Blut mit dem Segen der Behörden adoptiert. Man weiß gar nicht, ob es Paragrafen für all die Verbrechen gibt, die das Schwein verübt hat. Unfassbar!

Das ist kein Mensch, der so etwas tut! Der Unhold, das Monster, die Bestie von Amstetten wird immer interessanter: Wie hat er das mit dem Bau seines Hochsicherheitstraktes hinbekommen; und ganz alleine? Wie konnte er über Jahre viel zu viele Lebensmittel für seine offizielle Familie ins Haus schaffen, ohne dass jemand Verdacht schöpfte? Und hat tatsächlich niemand etwas gemerkt? Kann das sein? Gruseln ist angesagt: Das reine Böse mitten unter uns – unerkannt. Man erschrickt wohlig. Woran kann der Anständige den Anständigen noch erkennen, wenn so einer in der Maske des Biedermanns durchgeht? Moralische Wachsamkeit und ein detektivisches Auge sind nötig, um die vorgespiegelte Wohlanständigkeit zu durchschauen. Ganz Amstetten macht sich Vorwürfe, weil es dem Familienmenschen Fritzl sein Doppelleben nicht an der Nasenspitze angesehen hat. Jedes Detail wäre wichtig gewesen. Was die Kleinstadt an genauem Hinsehen versäumt hat, das holt die Weltöffentlichkeit nun doppelt und dreifach nach.

Nicht freilich, weil man sich die Tat und den Kerl, der sie begangen hat, erklären wollte, sondern weil es so schön ist, die eigene Anständigkeit mit diesem Monster zu vergleichen und festzustellen, dass es da nichts zu vergleichen gibt. Der Unmensch ist das glatte Gegenteil von allem, was uns Menschen ausmacht: Keinerlei Verständnis für die Bestie, kein Verstehen ihrer Tat! Sie ist unbegreiflich; es kann, es darf keine Gründe oder Motive geben, die sie verstehbar machen, denn dann wäre sie ja mit der Welt der Guten irgendwie kommensurabel. Die Anständigen haben genug kapiert, wenn sie kapieren, dass es da nichts zu kapieren, nur Abscheu und Entsetzen zu äußern gibt; ergänzt vielleicht durch ein kleines Stoßgebet: Herr ich danke dir, dass ich nicht so bin wie diese!

Die Familie: Normalerweise ein Hort intimen Glücks, oder?

Ihre Selbstgerechtigkeit lässt sich die Gemeinde der Anständigen durch kleinere Anfechtungen nicht erschüttern. Immerhin war von Nachbarn zu hören, dass der Herr Fritzl schon ein rechter Familientyrann gewesen sei. Aber was sagt das schon? Sind das nicht viele, ohne dass sie gleich ihren Hobbykeller zum Sexverlies umbauen? Von Statistiken, denen zufolge es auch mit der Singularität der „unfassbaren“ Tat nicht so weit her ist, lässt man sich selbstverständlich auch nicht verführen, der Untat einen Zusammenhang mit der mustergültigen Lebensform Familie zuzubilligen.

„Man schätzt, dass jedes dritte bis fünfte Mädchen Opfer sexuellen Missbrauchs in der Familie ist.“ (ORF)

Na und? Dann sind bei Vergewaltigung in der Ehe und Missbrauch der Töchter eben lauter kleine Monster von der Art am Werk, von der Herr Fritzl ein großes ist. Mit der Institution, in der diese Monstrositäten stattfinden, hat das alles nichts zu tun. Das moralische Urteilen hält sich an den ungeheueren Exzess, der stattfand, versichert sich des Abstands zur Normalität des Familienlebens – und erspart sich damit jeden Gedanken darüber, von was da eigentlich ein Exzess vorliegt.

Besonders empörend finden es die medialen Betreuer der Anständigen, dass Herr Fritzl sich erlaubt hat, seine Verbrechen mit Motiven des Familienvaters zu rechtfertigen: „Es stimmt wirklich: Ich wollte immer ein guter Ehemann und Vater sein“ (Fritzl, News, Nr. 19, 8.5.2008). Die Einlassung wird rundweg als eine Frechheit abgelehnt, die ernsthafte Befassung nicht verdient: Der Kerkermeister und Vergewaltiger ein guter Vater? Der Bigamist mit der eigenen Tochter ein guter Ehemann? Ein Hohn! „Absurde Erklärungen für etwas, für das es in Wahrheit keine Erklärungen geben kann.“ (ebd.)

Nun ist nichts leichter, als festzustellen, dass der Amstettener Täter jedenfalls kein normaler Vater und Ehemann ist. Ob ihm das Gutsein gelungen ist, lässt der Mann der guten Absicht ja selbst offen. Damit ist aber eben noch lange nicht gesagt, dass der durchgeknallte Vater und Ehemann nicht lauter Übergänge aus der Sittlichkeit des Familienlebens heraus gemacht hat, und zwar wegen genau des glücksmäßig psychologischen Ertrags, den sich auch andere in und von dieser gesellschaftlichen Institution versprechen.

Was keine Liebe aushält

Da ist zum einen die Sache mit der festen Bindung, die die Beteiligten sich von der Überführung ihrer Liebschaft in eine rechtlich sanktionierte, womöglich auch noch kirchlich abgesegnete Ehe – oder ein „eheähnliches“ Äquivalent – versprechen. Der Wunsch nach Dauerhaftigkeit einer Liebesbeziehung ist in aller Regel so stark wie das Gefühl, das da zwei Menschen füreinander empfinden; das versteht sich von selbst; aber dabei bleibt es schon im Normalfall nicht. Dafür ist das Liebesglück in der modernen Gesellschaft viel zu sehr mit Kompensationsansprüchen befrachtet: Es ist der Mittelpunkt des Privatlebens; und das ist die besondere Sphäre, in der der Mensch nicht einfach sein Leben genießt, sondern vor der großen Aufgabe und Herausforderung steht, sich einen Lebensinhalt zurechtzuorganisieren, der all die Nöte des Geldverdienens, all die Drangsale der Konkurrenz – um einen Job und im Job –, alle Zumutungen des alltäglichen „Lebenskampfes“ überstrahlen soll, die die marktwirtschaftliche Zivilgesellschaft für ihre Insassen bereithält. Hier, weil garantiert sonst nirgendwo, muss das Leben sich lohnen.

Somit hat das Vergnügen, das zwei Menschen aneinander finden, eine Menge auszuhalten und auszugleichen. Dafür jedoch, die Erfahrung bleibt niemandem erspart, ist dieser Genuss nicht gemacht. Das Gefühl leidet unweigerlich unter der Funktion der Entschädigung, die ihm notgedrungen zukommt. Und es werden Fortschritte fällig, die, auch das kennt jeder, ziemlich geradlinig zu einer unguten Anspruchshaltung gegen den lieben Partner führen: zu dem Standpunkt, der hätte fürs eigene Streben nach Lebenszufriedenheit einzustehen und – nächste Eskalationsstufe – wäre persönlich daran schuld, wenn die ausbleibt. Ist es erst einmal so weit gekommen, dann hält ausgerechnet das traute Heim, in dem das Glück sich abspielen soll, die härtesten Enttäuschungen bereit, bitterer als das meiste, was der Mensch in seinem außerhäuslichen Dasein als pflichtbewusster Konkurrenzteilnehmer auszuhalten, wegzustecken und zu „bewältigen“ hat; und die nächsten Übergänge finden statt. Die führen zu den altbekannten, langweiligen und trotzdem immer wieder schmerzlichen Varianten des „Ehekriegs“, zur stereotypen Abfolge von Streit, Versöhnung und Resignation – und per Saldo zu genau der Sorte wechselseitiger Inanspruchnahme und Drangsalierung und verpflichtenden Zusammenhaltens, die der bürgerliche Staat unter seinen besonderen Rechtsschutz stellt und die nicht bloß die Festigkeit einer gesellschaftlichen Sitte hat, sondern auch als sittliche Gemeinschaft allgemeine Anerkennung genießt.

Ehe & Gewalt

Bei den Machenschaften des Herrn Fritzl und seinem Kellerverlies für eine inzestuöse Zweit-Ehe ist man damit noch lange nicht, das wäre ja auch noch schöner. Aber in dem Bereich, wo sich das anspruchsvolle Zusammenleben der Partner mit Erbitterung auflädt und zu Übergriffen auf den widerspenstigen Willen des andern oder auch zur Rache für dessen Widerspenstigkeit tendiert – in dem Bereich bewegt sich die Ehe oder eheähnliche Gemeinschaft im groben Durchschnitt schon. Eine extravagante Ausnahme ist es dann nicht mehr, wenn speziell Mitglieder des „starken Geschlechts“ sich ihr Recht auf Befriedigung, das sie sich durch standhaftes Zusammenleben mit ihrer „Alten“ und meist sogar formell durch Heirat erworben haben, auch tatkräftig nehmen, indem sie das Hindernis des anderen Willens mit überlegener Körperkraft und größerer Gewaltbereitschaft aus dem Weg räumen. Der bürgerliche Rechtsstaat jedenfalls kalkuliert auf seine nüchterne Art in seinen „besonderen Schutz“ der Ehe derartige Entgleisungen fest mit ein und gibt sich einige Mühe, mit Verboten bis hin zu gewagten juristischen Unterscheidungen zwischen einem Recht auf „Vollzug der ehelichen Pflichten“ und „Vergewaltigung in der Ehe“ die den Liebesleuten zugestandene Sphäre der privaten Willkür zu regulieren. Der Erfolg ist unter anderem an den üblich gewordenen Frauenhäusern und ihrem nicht versiegenden Nachschub abzulesen: Die Sitten des intimen Glücks schließen Übergänge ins Faustrecht allemal mit ein. In der Hinsicht fällt das „Monster von Amstetten“ hauptsächlich durch die Konsequenz und Umsicht auf, mit der der Mann sein Faustrecht zu einer eigenen unterirdischen Rechtssphäre ausgebaut – und durch die langen Jahre, über die er seinen Anspruch auf ein Eheleben ganz nach seinem Geschmack und Willen exekutiert hat.

Die elterliche Gewalt

Außer Ehemann wollte Herr Fritzl noch guter Vater sein, hatte also so seine Vorstellungen von den Aufgaben eines Familienoberhaupts wie auch davon, was ein solches darf und was ihm zusteht. Dabei kann er sich erst einmal auf die staatliche Ermächtigung zum Erziehungsberechtigten berufen: Nach außen haften Eltern für die Betätigung des noch unvernünftigen Willens ihrer Kinder; nach innen lenken und bestimmen sie ihn. Bis vor kurzem bezeichnete der Gesetzgeber die erzieherische Fremdbestimmung des kindlichen Willens auch als das, was sie ist: „elterliche Gewalt“. Der erziehende Vater (dito die Mutter) macht seinen Willen dem Kind gegenüber zum Gesetz; sagt ihm, was gut und was schlecht, was zu tun und was zu lassen ist: ,Ich weiß, was für dich gut ist!‘

Das schließt Willkür ein. Die lieben Kleinen werden nicht nur dem moralischen Dafürhalten und dem jeweiligen Selbstbild der Eltern unterworfen, auch was schulisch, beruflich und überhaupt als Menschen aus ihnen werden soll, folgt dem Wunsch und Plan der Eltern. Wenn sie „zu seinem Besten“ für das unmündige Kind sorgen, erfüllen sie zugleich sich selbst einen großen Wunsch. Kinder, heißt es, seien ein großes, wenn nicht das größte Glück, das Eltern sich bereiten können: In ihnen verwirklichen und verewigen sich Vater und Mutter, im verjüngten Ebenbild betrachten und genießen sie ihre eigene Vortrefflichkeit.

So geht die notwendige Zurechtweisung blöder Kinder Hand in Hand mit dem Domestizieren und dem Formen der kleinen Persönlichkeiten nach den Bedürfnissen ihrer Erzeuger. Im Maß, in dem der Zögling heranwächst und selbst weiß, was er will, gerät die Erziehung zu einem Machtkampf zwischen dem Heranwachsenden, der sich nichts mehr sagen lässt, und dem Erziehungsberechtigten, der seine finanzielle Fürsorge und menschliche Zuwendung auch dann noch mit Gehorsam entgolten haben will, wenn der Nachwuchs längst flügge ist. Nicht immer, aber immer wieder kippt die Sache um: Der herausgeforderte Erzieher unterscheidet nicht mehr, ob der Lebensplan, den er stellvertretend für das unmündige Kind aussucht und durchsetzt, überhaupt gefährdet ist, und schon gleich nicht, ob er im Sinn des Heranwachsenden ist, sondern verteidigt sich als Vater (oder Mutter), d. h. er verteidigt das familiäre Herrschaftsverhältnis selbst. Sein Recht, für das Kind Verantwortung zu tragen, für es Entscheidungen zu fällen, kurz die Überordnung seines Willens lässt der Erzieher ganz allgemein nicht in Frage stellen: ‚Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst, hab hier ich das Sagen!‘ Die unmittelbare Konfrontation des elterlichen und des jugendlichen Willens, dieser kleine Krieg, den jede Familie kennt, endet in der Regel mit der Niederlage der Eltern. Das Kind nabelt sich darüber vom Familienverband ab und geht eigene Wege.

Das Schwein als radikaler Erzieher

Nicht so bei Herrn Fritzl. Er gewinnt diesen Krieg und erlaubt der Tochter auch nach Erreichen der Volljährigkeit nicht, seiner Obhut zu entgleiten. Die eigenen Wege, die sie geht, sind per se Abwege, weil sie sich ihm entzieht.

„Ich brachte sie immer wieder nach Hause zurück, aber sie entzog sich mir immer wieder. Deshalb musste ich vorsorgen, einen Ort schaffen, an dem ich Elisabeth irgendwann möglicherweise zwangsweise von der Außenwelt fernhalten konnte.“ Und er wusste wo: „Der Keller meines Hauses gehörte mir, mir allein, er war mein Reich, das nur mir zugänglich war“ (News, Nr. 19, 8.5.2008)

Noch die Einkerkerung der jungen Frau will der verrückte Vater als Wahrnehmung erzieherischer Verantwortung verstanden wissen: „Ich habe immer viel Wert auf Anstand und gutes Benehmen gelegt, das gebe ich zu“ (ebd.) Das Fehlverhalten Elisabeths, die vor 24 Jahren tat, was 18jährige so tun – Disco, Alkohol, Zigaretten, schlechter Umgang, Arbeitsverweigerung – habe ihm keine Wahl gelassen. Damit seine Elisabeth die bösen Dinge nicht tun kann, die sie in Freiheit tun würde, wandert sie ins Verlies, wo der gute Vater mit ihr die bösen Dinge tut, zu denen er sich berechtigt sieht. Die Lebensweisheit, dass Eltern sich in ihren Kindern Glücksbringer züchten, nimmt er überaus wörtlich: Die frische Ausgabe seiner Alten reizt den Mann und der Anspruch auf Gehorsam und Fügsamkeit der Tochter berechtigt den Vater. Dass die Tochter das nicht will, macht Vorkehrungen erforderlich: Fritzl verwirklicht sich den Traum vom familiären Glück im hauseigenen Gefängnis, schützt ihn durch ein unüberwindliches Sperrsystem und Todesdrohungen. Die begehrte Tochter macht er zu seiner Sklavin und reserviert ihren Kontakt zu Menschen ganz allein sich, dem Vater und Herrn. Er hat sich im Geheimen eine zweite Welt eingerichtet, in der die unbedingte Autorität des Familienvorstands noch etwas gilt und ihrem selbstbezogenen Träger die Befriedigung einträgt, die er sucht. Machtfantasie und sexuelle Lust, die er an der Tochter befriedigt, sind bei diesem Typ zu einer aparten Vorstellung vom Glück zusammengewachsen.

Das Besondere an ihm ist die extreme Kombination sowie die methodische und planvolle Durchführung von lauter Entgleisungen, die zum bürgerlichen Sexual- und Familienleben dazugehören: Der Tyrann macht seine Familie nicht in einem übertragenen Sinn zum Gefängnis für Frau und Kinder, sondern richtet wirklich eines ein. Er fällt nicht in ungezügeltem Begehren über die Tochter her, sondern plant mit kühlem Verstand und schafft sich dauerhaft eine Situation ihrer unbedingten Verfügbarkeit. Er wird nicht im Affekt gewalttätig gegen Familienmitglieder, sondern richtet eine Herrschaft über sie ein, die gar nicht auf Moral und Gehorsam der nächsten Verwandten setzt, sondern sich allein auf ihre Unüberwindlichkeit verlässt.

Also doch: „Amstetten ist überall“?

Talkshows und Zeitungsartikel versenken sich begeistert ins Außergewöhnliche und Bizarre des Verbrechens, unterstreichen dick seine Singularität und können keinerlei Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Institution erkennen, in der alle guten Menschen das Glück suchen. Etwas so Abartiges kann mit unserem Lebensstil nichts zu tun haben! Der ebenso prompte Ruf nach politischen Konsequenzen spricht allerdings eine andere Sprache. Schließlich wären härtere Strafen und mehr oder effektivere staatliche Kontrolle, die solche Vorkommnisse bitteschön verhindern mögen, in Anbetracht einer absolut einzigartigen Schandtat ja nicht unbedingt logisch. Was die bürgerliche Welt in der Theorie ablehnt, davon geht sie in der familienpolitischen Praxis aber aus. Die zuständige Ministerin in Wien kündigt an, was sie alles ändern will, damit das „Inzestdrama von Amstetten“ ein Einzelfall bleibt, und gibt damit auf ihre Art Auskunft, wie es um das Familienleben in der österreichischen Zivilgesellschaft bestellt ist. Eng auf die Ybbsstraße in Amstetten beschränkt sie den Umschlag der guten Familienmoral ins Böse jedenfalls nicht:

„Im Bereich Strafjustiz plant Berger einen neuen Straftatbestand gegen beharrliche Gewaltausübung; davon sollen Situationen erfasst sein, in denen etwa Frauen jahrelanger Gewalt ihres Mannes ausgesetzt waren, aber auch Gewaltverhältnisse in Kinder und Pflegeheimen oder bei Entführungsopfern. Die gesamte Leidensgeschichte des Opfers soll im Strafprozess zum Ausdruck kommen, während bisher der Fokus auf einzelnen Gewalttaten, wie der letzten Körperverletzung, lag. Verschiedene Gewalttaten, wie körperliche Gewalt, Nötigung oder Beleidigungen, sollen in ihrer Gesamtheit mit einer entsprechend schweren Strafe geahndet werden. Speziell geschult werden dafür auch die Staatsanwälte. Bereits seit 1. Jänner 2008 gibt es bei allen großen Staatsanwaltschaften Spezialreferate für Gewalt im sozialen Nahraum; noch heuer soll es maßgeschneiderte Fortbildungsangebote geben. Vereinheitlichen und verschärfen will Berger auch die Anzeigepflichten für bestimmte Berufsgruppen wie Ärzte, PsychologInnen – wobei eine Balance zwischen der Strafverfolgung und dem Wohl des Kindes zu finden ist, wie Berger betonte… In Arbeit ist außerdem ein Kompetenzzentrum für Opferhilfe als Koordinationsstelle. Dort wird dann auch die seit 1. Juli 2007 bestehende Opfer Hotline angesiedelt sein.“ (www.bmj.gv.at)

Selbstverständlich setzen Fachpsychologen gleich wieder Zweifel in die Wirksamkeit der angekündigten Strafverschärfungen, von denen sich „Triebtäter“ ja doch nicht abschrecken ließen. Das tut der guten Sache aber keinen Abbruch: In Forderungen nach Strafen wird Vater Staat immerhin als vielleicht unzureichende, aber doch als Schutzinstanz gegen die rohen Extreme genau der Form des Zusammenlebens der Geschlechter und Generationen angerufen, die er rechtlich einrichtet und fördert.

Kultur des Hinschauens: Anständige Blockwarte gegen Bestien?

Was der Staat alleine nicht leisten kann, können ja vielleicht die Bürger! Dieselben Medien, die Fritzls Missetat ganz unbegreiflich finden und auf die unantastbare familiäre Privat- und Glückssphäre nichts kommen lassen, haben etwas übrig für zivilisierendes Schnüffeln in einer „gläsernen Nachbarschaft“„Wissen Sie eigentlich, was in den Kellern Ihrer Nachbarn passiert?“ (ORF). Die Freunde der Familie trauen den sittlich denkenden Familienmenschen eben einiges zu und diese, soweit sie sich vom Aufruf zur „Zivilcourage“ in einer Kultur des Hinsehens angesprochen fühlen, trauen ihresgleichen einiges zu; jeder dem anderen, versteht sich. Wie immer man sich in den Redaktionen das allgemeine Aufpassen der Gefährdeten untereinander nun vorstellen mag, eines steht fest: Wenn es das kinderfreundliche Blockwartwesen und den gläsernen Kinderschänder schon gäbe, wäre Herr Fritzl mit seiner Art, seine Familie zu retten, trotz der „ungeheueren kriminellen Energie“ und des „erstaunlichen technologischen Sachverstands“ früher aufgeflogen.

Den Ethik-Unterricht jedenfalls dürfte die Frage nach unser aller Verantwortung einigermaßen anturnen. Bei den dann drohenden Debatten irgendeinen Zusammenhang dieses Exzesses mit dem regulären Getriebe von Ehe, Familie & Erziehung in der bürgerlichen Gesellschaft herzustellen, dürfte in der Schule mindestens so tabu sein wie sonst in der öffentlichen Besprechung dieses Unfalls. Siehe oben!


Internet-Adresse dieses Textes: http://www.arguschul.net/Ethik/Amstetten.html

©  2015, Redaktion „Argumente zur Schule“, Stand: 2015-01-26zum Anfang der Seite