Argumente zur Schule   –  Kritische Gedanken zur Schule und ihrem Lernstoff

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Der Dalai Lama

Ein moderner Sinnstiftungs-Guru mit politischer Botschaft

Wenn der Dalai Lama durch Deutschland tourt, füllt „Seine Heiligkeit“ Stadien und Hörsäle. Er wird „gefeiert wie ein Rockstar“, dabei kann er weder singen noch tanzen und in den Charts ist er auch nicht. Was ist an ihm dran, das ihn so beliebt macht? Laut Umfragen ist er jedefalls beliebter als der deutsche Papst. Studenten, Hausfrauen und Manager bewundern „Klugheit, Kraft, Charisma“ des Mönchs, Exilpolitikers und Friedensnobelpreisträgers. Der „Spiegel“ präsentiert ihn als „Gott zum Anfassen“ und bezeugt volles Verständnis für „viele Menschen im Westen“, die einen „spirituellen Tröster suchen“ und „durch ihn auf andere Gedanken“ im rauen kapitalistischen Alltag kommen. Auf welche Gedanken man durch die Botschaften der 14. Wiedergeburt des Buddha Avalokiteshwara kommt, stellt allerdings seiner Weisheit und auch dem Geisteszustand seiner Fans kein gutes Zeugnis aus.

1. Der Sinnstifter

Buddhistische Weisheiten wie „Finde dein innerstes Selbst! In der Ruhe liegt die Kraft! Der Weg ist das Ziel!“ sind hierzulande auch ohne den Lama bekannte Formeln für etwas, was manchmal als „Lebenshilfe“ verkauft wird, manchmal aber auch bloß als Werbung, z.B. für den Deutschen Alpenverein. Moderne, ansonsten eher nüchterne Westler haben also schon Geschmack an den fernöstlichen Sprüchen gefunden. Was ist daran eigentlich interessant? Da redet ein modellhaftes „Ich“ sich selbst gut zu. Nicht zufällig haben diese „Weisheiten“ oft den Charakter von Durchhalteparolen. Denn da werden Rezepte für die Suche nach Trost und Sinn im eigenen Leben angeboten.

Wer nach Sinn für sein Leben sucht, den treibt ein sehr verrücktes Bedürfnis. Erstens will er sich auf keinen Fall den Kopf darüber zerbrechen, was in seinem Leben warum nicht so gut läuft wie er geplant oder sich erträumt hat. Egal, welche konkreten, individuellen Gründe für Unzufriedenheit diese Leute haben, sie finden sich in der Gemeinschaft der Sinnsucher deshalb ein, weil sie aus ihrer Enttäuschung einen falschen Schluss gezogen haben: Man müsste, so finden sie, ein Rezept für ein enttäuschungsfreies Leben finden. Am besten eines, das einem jede Kritik und alle realen Änderungsversuche erspart und statt dessen die Zufriedenheit ganz aus sich selbst heraus zustande bringt.

Ein solcher Sinnsucher möchte sich also auf alles, was ihm passiert, besonders wenn es ihn ärgert oder trübsinnig stimmt, einen gewollt falschen Blickwinkel zulegen. Gerade weil er weiß, dass es in seiner Welt eher wenig Gründe für Zufriedenheit gibt und sein Bedürfnis nach „Harmonie“ recht oft enttäuscht wird, verlangt er nach einer Deutung der Welt, die ihn das alles vergessen lässt. Um diesen Fehler durchzuhalten, ist ein ziemlich eigensinniges Abstraktionsvermögen nötig, außerdem eine ziemlich ignorante Einbildungskraft.

Abstrahieren muss man nämlich von allen realen Mächten, die das eigene Tun per Gesetz und Gewalt reglementieren, also davon, dass man ständig Dinge macht, die man eben tun muss. Einbildung gehört dazu, sich selbst als das eigentliche Subjekt, das Zufriedenheit herbeizaubern kann, vorzustellen.

Wenn der Mensch geistig so weit heruntergekommen ist, fällt es ihm auch nicht mehr schwer, irgendwo in sich ein ‚Selbst‘ zu entdecken, dem man dumme Sprüche als Glücksbotschaften vorsetzen kann. Das ist dann ganz einfach, denn wie man in sich hineinhört, so ruft es auch heraus. Man verspürt die Kraft, die einem dadurch zuteil wird, dass man alles nicht mehr so wichtig nimmt, und diese wohlig-dumme Wurschtigkeit wird dann zur metaphysischen „Erleuchtung“ erhoben.

Darin besteht sie also, die ganze Kunst des positiven Denkens: Wer sich in dieser selbsttäuscherischen Weise gut zuredet, wer sich nichts mehr vornimmt im Leben und seinen oft trostlosen Alltag als Weg zu sich selbst ‚begreift‘, der kann auch nicht mehr enttäuscht werden. Das ist der ‚spirituelle Trost‘, den der Ober-Lama spendet: Das Ich ruht im Selbst, und mit Ruhe wird aus einem Sandkorn eine Perle – wer daran glaubt, dem liegt die Welt zu Füßen, weil er sich alles nach Belieben zurechdeutet.

Seine Faszination für das eher intellektuelle Publikum des Westens gewinnen die psycho-religiösen Ergüsse des Herrn Lama freilich durch etwas, was die wenigsten Sinnstifter vorzuweisen haben: Seine Autorität bezieht der Mann auch aus seiner speziellen weltlich-politischen Rolle: Er ist Chef der tibetischen Exilregierung und ein beliebter Gast nicht nur des deutschen Staates. In einem Anfall ironischer Selbsterkenntnis stellt sich der Dalai Lama dar als

„Pandabär der internationalen Politik“

Im Hauptberuf ist der Dalai Lama nämlich kein Wanderprediger, sondern Politiker, Nationalist und Glaubensführer; allerdings einer der besonderen Art. Er ist ein Staatsmann ohne Staatsgebiet, ein Regent ohne Regierte, ein Gottkönig ohne Heimatgemeinde. Die seltsamen Doppelrollen übt er natürlich nicht freiwillig aus, sie sind Produkt des Anschlusses Tibets an die Volksrepublik China 1950, als der Dalai Lama als „oberster weltlicher und geistiger Führer des Volkes“ entmachtet wurde. Nach dem Aufstandsversuch des Dalai Lama und seiner Getreuen wurde er 1959 verjagt und lebt seitdem im Exil in Indien. Als Staatsmann und Patriot ist er sich sicher, dass der Verlust seiner politischen und religiösen Macht genau das ist, worunter „sein“ tibetisches Volk am meisten leidet und darbt. Ihm zufolge macht den Bauern, Hirten und Mönchen vor allem der Mangel am Grundnahrungsmittel „kulturelle Identität“ zu schaffen. Die armseligen Lebensbedingungen dieses Völkchens sind also eher unerheblich, wofür gibt es schließlich die religiösen Trostsprüche!

Aber er weiß auch, dass er als Herrscher ohne jede materielle Basis – null Waffen, null Öl, keine dienstbare Nationalökonomie und keine Staatsbürger in Uniform – umso mehr auf mächtige Paten in der ausländischen Staatenwelt verwiesen ist, die sich seiner Klage über einen „kulturellen Völkermord!“ annehmen.

Für die Staaten des Freien Westens war und ist Tibet nicht die große Nummer, wie es ihm vorschwebt. Aber als Stachel im Fleisch des inzwischen mit Weltmachtambitionen ausgestatteten Chinas hofiert man den Pandabären eben auf dem internationalen Parkett. So erfährt er eine diplomatisch berechnende Zuneigung im Westen und seine Ambitionen als Machthaber, der volle „Autonomie für Tibet“ fordert, finden Aufnahme in die lange Liste der „Menschenrechtsverletzungen“, die seine Gastgeber Chinas Führung vorrechnen, wann und wofür es ihnen ins Kalkül passt. So kommt die Sinnstiftungsphilosophie auch noch politisch zur Geltung, wenn deutsche Politiker ihre ganz persönliche Bewunderung für den Moralapostel zum Besten geben und ihn als etwas Besonderes auszeichnen. Ein Deutscher, der den Dalai Lama als Lebenshilfe gut findet und vielleicht auch noch sein trautes Heim mit einem tibetanischen Fähnchen schmückt, lässt sich also nebenbei noch für die weltpolitischen Ansprüche und Einmischungen der deutschen Regierung im Fernen Osten vereinnahmen.

Siehe auch:

Artikel zur Religion.


Internet-Adresse dieses Textes: http://www.arguschul.net/Ethik/Dalai_Lama.html

©  2015, Redaktion „Argumente zur Schule“, Stand: 2015-01-26zum Anfang der Seite