Argumente zur Schule   –  Kritische Gedanken zur Schule und ihrem Lernstoff

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Was ist und warum gibt es Religion?

Das Fach Religion ist nach wie vor ein fester Bestandteil des Unterrichtskanons, auch wenn es hier und da mit dem Fach Ethik konkurriert und viele Schüler es angeblich für das „absolute Egalfach“ halten. Vielleicht können manche mit der Demutshaltung religiöser Weltsicht nichts anfangen, weil sie statt an den Gott im Himmel lieber an ihre Pop-Idole oder einfach sich selbst glauben, oder die Gebote religiöser Moral sind ihnen nicht modern genug. Dass aber der Mensch einen ‚Sinn suchen‘ soll und dass der Vernunft dabei irgendwie Grenzen gesetzt sind, glaubt andererseits fast jeder. Auch die, die sich von der Religion distanzieren, meinen, dass Religiosität eine Einstellung ist, die man respektieren muss. Mit der Erklärung und Kritik der Religion hat es jedenfalls nichts zu tun, wenn man sie auf die eine oder andere Art „uncool“ findet. Hier dagegen ein paar Überlegungen als Angebot, die im Unterricht mit Sicherheit so nicht auftauchen.

1. Das Bedürfnis, ein höchstes Wesens zu erfinden

Der Kern des Glaubens ist der Wille, die Einbildungskraft zu mobilisieren für eine Vorstellung: Es gibt ein höheres Wesen, ein überirdisches, allmächtiges Subjekt, das die Welt regiert.

Religion beruht also grundsätzlich auf der Kraft der freien Einbildung. Auch wenn ein frommer Mensch meint, er hätte Gründe für seinen Glauben – seine Begründung läuft immer darauf hinaus, dass er sich die Welt mit einem Gott dahinter oder darüber vorstellen kann und vor allem will. So genügt vielen Gläubigen die Verneinung des Gegenteils, um ihre „Wahrheit“ mit der authentischen Wucht der eigenen Person zu „begründen“: Gott muss es geben, weil ich mir eine Welt ohne Gott nicht vorstellen kann.

Man sollte also besser nicht versuchen, mit einem Gläubigen über die Existenz seines Gottes zu streiten, weil die von vornherein mit dem Bedürfnis, diese Existenz zu glauben, in eins fällt. Und da gibt es Gott in der Tat, im Kopf des Gläubigen. Der Glaube als Wunsch, sich zu einem Gott zu bekennen, ist also mit Argumenten schwerlich zu widerlegen, denn er ist eine Absage an den Verstand. Der wird zwar für das religiöse Denken strapaziert, aber für untauglich befunden, die tiefe „Wahrheit“ des Glaubens zu erfassen. Dieser Vorwurf ist eine Fundamentalkritik am Verstand, der als „Rationalismus“ sich immer nur einbilde, er könnte den Gang der Dinge mittels Vernunft erklären. Damit muss er deshalb scheitern, so die Religionsvertreter, weil er ihre Frage nach dem allerletzten Warum und Wozu? nie wird beantworten können – wie sollte er auch, wenn die gesuchte Antwort gar nicht in dieser Welt zu finden ist! Genauer betrachtet handelt es sich nämlich um eine Frage nach einer geheimen Wirkkraft hinter allem - was in dem Sinn keine Frage ist, sondern ein Verlangen genau danach. Mit der vorgestellten Personifizierung dieser Wirkkraft ist das Verlangen bedient und als Frage mit „Gott“ beantwortet.

Dabei findet dieser Irrationalismus – paradoxerweise – viel Zuspruch inmitten einer Welt, die sich doch bekanntlich einiges darauf zugute hält, aufgeklärt zu sein, Aberglauben und Magie durch wissenschaftlichen Durchblick ersetzt zu haben. Auch wenn viele Zeitgenossen nicht mehr über Strom wissen, als dass der aus der Steckdose kommt, so viel ist immerhin wahr an der angeberischen Propaganda von der „Wissensgesellschaft“: Wissenschaft und Technik werden erfolgreich dazu eingesetzt, die Natur zu beherrschen und für menschliche Lebensverhältnisse zu benutzen. Auch das gesellschaftliche Leben ist zwar nicht verstanden und durchschaut, aber zumindest erscheint es nicht mehr als mysteriös: Da gibt es politische „Führer“, die das Gemeinwesen in die richtige Richtung zu steuern versprechen und dabei, wie sie sagen, mit vielen „Sachzwängen“ zu kämpfen haben, Sachzwängen des Geldes, des Eigentums, des Arbeitsmarktes… Was hat da der irrationale (Un)Sinn zu suchen?

Die religiöse Anschauung der Welt ist ihrem Prinzip nach die fundamentalistische „Kritik“ der Welt, dass sie „nur“ die Welt ist, und dass alles, worum sie sich dreht, letztlich lächerlich bedeutungslos ist vor der Größe und Allmacht ihres außerweltlichen Herrn. Der hat sie nach christlicher Lesart überhaupt erst produziert, gerade mal in einer 7-Tage-Woche. Keine Kunst, denn dieses höchste Wesen kann und weiß alles, der Mensch schaut im Vergleich dazu alt aus, auch in dem fast buchstäblichen Sinn, dass er „endlich“, also sterblich ist. Analog zur seiner Totalkritik an der Welt macht sich der Mensch selbst zum Vorwurf, dass er nur ein Mensch, sprich irdisch ist, und stattet seinen außerweltlichen Schöpfer genau mit dem Gegenteil aus. Sich selbst sprechen die Anhänger der Religion also die Rolle von ohnmächtigen und dem Willen ihres Gottes ausgelieferten Erdenwürmern, von Knechten ihres Herrn zu. Ihr Verhältnis zu Gott ist vor allem anderen dadurch bestimmt, dass sie ihm dankbar sind dafür, dass er ihnen aus purer Gnade überhaupt die – befristete – Erlaubnis zum Dasein erteilt hat. [1]

Was bewegt die Phantasie der Gläubigen zu gerade diesen Vorstellungen? Leute, die schon in ihrem weltlichen Leben eine Herrschaft über sich haben und mit Vorschriften und Verboten voll eingedeckt sind, erfinden sich in aller Freiheit ausgerechnet noch eine überirdische Regierung, ohne und gegen die sie schon gleich gar nichts ausrichten können. Im Gegenteil brauchen sie, wie sie glauben, zur Orientierung oberste Gesetze und Vorschriften von ihrem Gott.

2. Sinn und Trost

Die selbst gewählte Erniedrigung als Diener Gottes verschafft dem Gläubigen eine offenbar tröstliche Gewissheit: Das, was es gibt, erscheint ihm einfach dadurch, dass es von Gott gewollt oder göttliches Werk ist, als letztlich sinnreich eingerichtete Ordnung. Die Gottheit imaginiert er sich als ein Wesen, bei dem alles in guten Händen liegt und dem er sich anvertrauen möchte. Wenn Gott verlangt, dass alle nach seinen Maßstäben leben, ist damit „das Gute“ zumindest als Ideal der sittlichen Lenkung des Menschengeschlechts in der Welt verankert. So stillt der religiöse Mensch seinen Sinnhunger und beschafft sich seine Zufriedenheit mit der Welt, in der er sich durch seine Gotteskonstruktion aufgehoben weiß. Sie liefert ihm ein Glücksgefühl, das wohl die Teilnehmer von Kirchentagen mit diesem bekannten dümmlichen Dauergrinsen durch die Welt laufen lässt.

Andererseits ist dieser Seelenfriede immerzu mehr oder weniger harten Proben ausgesetzt: Dauernd müssen die Anhänger Gottes nämlich feststellen, dass in dieser Welt gegen göttliche Ordnungsvorgaben verstoßen wird, dass Zwecke verfolgt und Mittel eingesetzt werden, die den moralischen Geboten ihrer Religion entgegenstehen: Kriege, verhungernde Volksmassen, Erpressungen und Betrügereien – kann Gott das wollen?

Die Wege des Herrn sind unergründbar, weiß der Christ und hat dann doch den Durchblick, der den Glauben resistent und wasserdicht machen soll: Das „Böse“ kann die Reichweite göttlicher Gewalt weder blamieren noch widerlegen, sondern beweist umso mehr, wie wichtig es ist, an das Gute zu glauben. Und diesen Stachel hat der Herr bei der Einrichtung der Welt seinen Knechten mit auf den steinigen Weg gegeben, d. h. die schlechte, sündige Natur des Erdenwurms ist kein göttlicher Konstruktionsfehler, sondern genau die immer währende Herausforderung des Guten durch das Böse und die Prüfung des Glaubens auf seine Haltbarkeit. So steht und fällt – wie kann es anders sein – die Allmacht des höchsten Chefs mit der Festigkeit des Glaubens seiner untertänigen Erfinder.

Für den absehbaren Fall, dass die registrierten Härten den Kampf um den guten Glauben an den Weltensinn arg zäh werden lässt, bietet die katholische Religion, wie so manche andere, die tröstliche Perspektive der Entschädigung, sprich das Leben nach dem Tod, in dem der brave Christ seinen gerechten Lohn erwarten darf. Diese Aussicht auf die Überwindung des Urfehlers, bloß Mensch zu sein, und damit auf die Teilhabe an der Ewigkeit, möchte so mancher moderne Christ eher als höhere Bewusstseinsstufe sehen, jedenfalls nicht einfach als Vertröstung auf ein Jenseits, die einen im Diesseits alles hinnehmen lässt. Vielmehr hält er sich in der Regel für einen kritischen Zeitgenossen, wenn er der irdischen Welt den Spiegel ihrer Unvollkommenheit und der Verfehlung religiöser Werte vorhält. Dabei wird alles kritische Sinnieren vom Wunsch getrieben, seinen seelischen Frieden mit der Welt machen zu können. Deshalb ist der härteste Vorwurf, zu dem es gläubige Kritiker gebracht haben, der, dass allzu miese Lebensverhältnisse selbst noch den Glauben glatt unmöglich machen. Diesem Vorwurf wollten Geistliche in der Dritten Welt sogar mal mit ein wenig praktischem Widerstand Nachdruck verleihen und wurden durch Ausschluss aus der Kirche auf ihr Missverständnis hingewiesen: Den Frieden mit sich und der Welt soll der Gläubige immer noch in seinem Geiste schließen, und praktizieren soll er den Glauben, indem er die eigene Rechtschaffenheit (vor)lebt. Von daher bleibt einem solchen Gutmenschen, der seinen Nächsten, ob der will oder nicht, unentwegt liebt, inmitten aller Schlechtigkeit seiner Mitwelt das süße Gefühl des guten Gewissens, mit dem er sich von ihr abhebt.

Doch diese Erhöhung, die sich raffinierter Weise genau aus der Selbsterniedrigung, ein reuiger und dadurch eben doch guter Sünder zu sein, ergibt, darf er sich nicht zu sehr anmerken lassen, da die Selbstgerechtigkeit eben schlecht zum Image der Demut passt. Dass Glaube einerseits eine Sache der inneren Einkehr und Selbstbespiegelung ist, heißt also andererseits nicht, dass man die Mitmenschen damit in Frieden lässt. Nein, der Gläubige soll von seinem Glauben Zeugnis ablegen, sprich bekennend für ihn Reklame machen. In diesem Auftrag wird er nicht allein gelassen.

3. Religion und Kirche

In ihrer stets gefährdeten Suche nach ideellem Halt haben sich die Gläubigen nicht nur einen überirdischen Herrscher einfallen lassen, sondern auch nach irdischen Statthaltern desselben verlangt. Überall auf der Welt hat die Religion deshalb den Übergang zur Kirche gemacht. Sie wird so zu einer weltlichen Institution, die für den Glauben agitiert und die Gemeinde bei der Stange hält, indem sie den Gottesdienst öffentlich inszeniert. Schon das Dasein der Kirche ist so etwas wie ein Gültigkeits- und Machtbeweis der Religion, die Höhe der Kirchentürme seine sinnfällige Ausgestaltung.

Das Zwiespältige am Glauben ist nämlich: Will der Glaubensmensch die irdische Welt als unter das göttliche Reich unterworfen denken, so ist er selbst doch von dieser Welt; so sehr er auf seinen Glauben setzen will, ist er doch in seinem irdischen Dasein befangen und nimmt seine fünf Sinne und den Verstand in Anspruch. Deshalb ist und bleibt der Zweifel der dauernde Begleiter des Glaubens. Weil die Kirche als weltlicher Dolmetscher der Religion um diese heikle Seite weiß, ist die Offenbarung des überirdischen Chefs in weltlicher Gestalt bereits in die Gründungslegenden eingebaut.

Mit der Offenbarung erscheint Gott – als Beweis, dass man zu Recht an ihn glaubt – sozusagen leibhaftig, lebt unter den Gläubigen, spricht zu ihnen, ermahnt sie und baut sie in ihrem Glauben auf. Diese „Menschwerdung“ ist dabei natürlich als Vorgang etwas problematisch, so dass der katholischen Kirche so schräge Events wie die jungfräuliche Empfängnis der Gottesmutter eingefallen sind. Das Prekäre an den testamentarischen Märchen ist nun, dass auch sie wieder geglaubt werden müssen. Nicht zufällig thematisieren sie selbst den Zweifel mehrfach, wenn z.B. der Ungläubige für seine Glaubensbereitschaft nach dem Wunder verlangt. Das ist zwar kein Problem für den irdisch/überirdischen Zwitter, er verschafft den Zweiflern die gesuchte sinnliche Gewissheit und „verwandelt“ Wasser in Wein. Aber es bleibt der Beigeschmack, dass diese Konzession an die Sinne gerade den Unglauben der Bewunderer entlarvt, gegen den sie doch wirken soll.

Die Bekämpfung des Zweifels gehört von daher zum Dauerprogramm der Kirche. Damit die Gläubigen hinter Unglück und gottlosen Brutalitäten die sinnreiche göttliche Ordnung nicht aus den Augen verlieren, werden sie von professionellen Dolmetschern des Willens Gottes bei der religiösen Deutung der Welt angeleitet. Wer am „Sinn“ der Welt verzweifelt, weil er umgekehrt glauben will, dass sie einen hat, der wird von den geistlichen Menschenfischern genau an diesem Bedürfnis abgeholt und darin bestätigt. So geht er ihnen ins Netz. Ist er dann drin, muss er sich als Schutzimpfung zur Immunisierung seines Welt- und Menschenbildes immer neue Beschimpfungen gefallen lassen. Als Sünder, der er nun mal ist, muss er sich von der Kanzel herunter die immer gleiche „Frage“ gefallen lassen, wie es um seine Selbstlosigkeit und Nächstenliebe steht: Ob er die materiellen Werte, um die seine Lebenswelt sich dreht, auch wirklich so gering achtet, wie es sich für einen Menschen gehört, der sich dem Willen Gottes verschrieben hat? So wird ihm in der Predigt alles Mögliche, wonach dem Menschen der Sinn stehen mag, denunziert, als „sündige Begierde“ schlecht gemacht. Damit werden diese Seelsorger schon auf junge Gemüter losgelassen (was bekanntlich auch zu manchen tatsächlichen Perversionen führt). Wer sich diese Selbstbeschimpfung zumutet und das auch noch als seine besondere Qualität versteht, kann die Betreuung bei der Daueraufgabe, aus dem schlechten ein gutes Gewissen zu machen, glatt genießen.

Dabei hilft ihm ein (durchaus verpflichtend gemeintes) Angebot der Kirche an gemeinschaftlichen Zeremonien und rituellen Kulthandlungen. Allein durch die Tatsache, dass man mit vielen Gleichgesinnten zusammentrifft, bestätigt einer dem anderen, dass er richtig liegt mit seinem in Gebeten oder Gesängen beschworenen Wahn. Gerade in der Gemeinschaft der Gläubigen kultiviert sich somit das hohe Selbstbewusstsein dieser Knechte. Sie belohnen sich für die Bereitschaft zur Selbstanklage und die Erniedrigung unter den höchsten Chef – in aller Demut – mit dem warmen Gefühl, im Unterschied zum bedauernswerten Rest der Menschheit einem von ihm auserwählten Verein von Gutmenschen anzugehören. Weshalb der Gottesdienst auch „Feier“ heißt.

Nicht zuletzt sieht der Gottesanbeter sich aber auch durch die Anerkennung seitens der weltlichen Obrigkeit bestätigt: Sein Glaube ist eine Stellung zur Welt, die allgemein als gesellschaftlich nützliche geschätzt wird.

4. Die Religion in Staat und Gesellschaft

In allen westlich-demokratischen Ländern erkennt die Kirche die weltliche Herrschaft an und beschränkt den Absolutheitsanspruch ihres göttlichen Herrschers auf das Privatleben der einzelnen Bürger und auf die moralisierenden Beiträge christlicher Weltanschauung zum Zeitgeist. Die politischen Herren ihrerseits sind scharf auf die Bereitschaft ihrer Bürger zur Ein- und Unterordnung und zum konstruktiven Mitmachen. Und zur Bestärkung dieser Tugenden sind der Obrigkeit eben auch religiöse Angebote, sich die Welt als sinnvollen Zusammenhang zu deuten, sehr recht. So unterstützen die Staaten das Bedürfnis nach Glauben auch im Kapitalismus, in dem ansonsten von der Religion nichts abhängig gemacht wird. Nicht wenige Politiker pflegen demonstrativ ihr Image als regelmäßige Kirchgänger, insbesondere wenn sie ein „C“ in ihrem Parteinamen haben, um auch unter den Gläubigen Wählerstimmen zu fischen. Selbst die direkte Berufung auf Gott ist in der Politik gar nicht so „von gestern“, wie mancher meint. Was das Gottesgnadentum im Feudalismus war, nämlich die höhere Weihe der weltlichen Herrschaft, veredelt auch die demokratische Machtausübung. Für amerikanische Präsidenten war es schon immer ganz selbstverständlich, ihren Amtseid auf die Bibel abzulegen. Als „God’s own country“ verdient diese Nation selbstredend ihre bevorzugte Stellung in der Welt.

Die gläubigen Bürger der demokratischen Gemeinwesen verfolgen wie die anderen auch ihre materiellen Interessen so, wie es im Kapitalismus vorgesehen ist. Die Verachtung des Materiellen, die sie andererseits den Maximen christlichen Glaubens schuldig sind, damit in Einklang zu bringen, geht ohne die fällige Heuchelei nicht ab. Dabei kann der religiöse Mensch, der sich müht, in Rechtschaffenheit zu leben, aber materiell auf keinen grünen Zweig kommt, während andere in ihrem gottlosen Lebenswandel erfolgreich sind, sich Trost holen in der Vorstellung, dass wenigstens vor Gott alle Unterschiede wegfallen. All die Hierarchien, in denen er als Staatsbürger, Bediensteter, Arbeiter oder Jobsuchender vor- und oft schlecht wegkommt, kann er in seiner Vorstellung für unwichtig erklären, denn am Ende stehen auch die größten Angeber und Erfolgstypen nur als arme Sünder da. Die ausgedachte Totalabhängigkeit der gesamten Welt lässt den Glaubensmenschen über all seine realen Abhängigkeiten hinwegsehen und hilft ihm dabei, letztlich ideell über den vielen kleinen und großen Anpassungs- und Verzichtsleistungen zu stehen, die ihm seine weltliche Herrschaft oder seine Mitbürger abfordern.

In dem Sinn leistet die Religion das Ihre für das Funktionieren dieser Gesellschaft, was überhaupt kein Lob ist. Karl Marx nannte einmal die Religion den „Geist geistloser Verhältnisse“ und das „Opium des Volkes“. Heutige Staaten verbieten den Verkauf und Genuss von Opium, dem religiösen Wahn dagegen räumen sie mit gutem Grund einen Ehrenplatz ein.

Lesetipp:

Ein ausführlicherer Text über „Die Sache mit der Religion“ findet sich im GegenStandpunkt-Heft 2-2005.

Was aber geht vor, wenn die Religion einmal nicht der Unterwerfnung unter die gegebene Herrschaft dient? Wenn sie zur Rebellion aufruft, die weltliche Herrschaft der göttlichen unterordnen will? Dazu empfehlen wir die Artikel „Der islamische Fundamentalismus“ in GegenStandpunkt-Heft 1-1995 und „Die Islamische Republik“ in GegenStandpunkt-Heft 4-2003.

Und was, wenn die politisierte Religion nicht nur gegen die Herrschaft im eigenen Land, sondern gegen die etablierte Weltherrschaft zum Kampf schreitet? Dazu „IS gegen USA: Kriegerische Antwort auf die Verwüstung der arabischen Staatenwelt und ihre Bekämpfung“ in GegenStandpunkt-Heft 4-2014.


[1] Aus diesem radikalen Unterwerfungsgedanken leitet die katholische Kirche ihre Hetze gegen Abtreibung ab, die so gesehen nicht nur „Mord“ ist, sondern vor allem das schwerste Verbrechen gegen die göttliche Gnade.


Internet-Adresse dieses Textes: http://www.arguschul.net/Ethik/Religion.html

©  2015, Redaktion „Argumente zur Schule“, Stand: 2015-01-26zum Anfang der Seite