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Industrialisierung und Soziale Frage im Geschichtsunterricht:

Der Kapitalismus als historischer Problemlöser

Ein Buch für den Geschichtsunterricht wählt für das Thema „Die Industrialisierung im 19. Jahrhundert“ die Überschrift „Von der Werkstatt zur Fabrik“ und beginnt mit einem Satz, der es bereits in sich hat:

„Als die Handspinner und –weber die ständig steigende Nachfrage nach Textilprodukten nicht mehr befriedigen konnten, suchte man nach einer technischen Möglichkeit, um die Produktion zu steigern.“ [1]

Mit diesem Satz ist nämlich eine historische Betrachtungsweise angelegt, die für die weitere Befassung mit der Sache verbindlich wird: Ihr zufolge sind die Leute nicht ihren privaten, wirtschaftlichen oder politischen Interessen nachgegangen, sondern ein merkwürdig anonymes Subjekt hat sich an die Lösung eines allgemeinen Problems gemacht, das sich den Menschen wie eine Herausforderung stellte. Und so gesehen schaut die Sache einigermaßen verdreht aus: Da ist nicht von den Kapitaleigentümern die Rede, nicht von ihren Berechnungen, mittels maschineller Technik und effektiverer Produktion die Preise der Handweber auszuhebeln, um das Geld der Käufer in die eigenen Taschen zu lenken, sondern ihr Tun erhält ein höheres, ein soziales Motiv. Entsprechend lässt der Historiker die Fabrikbesitzer in ein fiktives Subjekt namens „man“ schlüpfen und im Dienst am Fortschritt der Menschheit tätig werden. Gerade so, als hätten diese Menschenfreunde den Ruf ihrer Zeitgenossen nach mehr Kleidern erhört. Nicht kapitalistisches Gewinnstreben treibt sie, sondern ein edler Zweck: die Versorgung der Menschheit mit Gütern. Fehlt nur die Kleinigkeit, dass diese Güter Waren sind und Geld kosten.

Jedenfalls konnte die breite Masse für jene ‚steigende Nachfrage nach Textilprodukten’ kaum verantwortlich sein, denn ausführlich ist im Geschichtsbuch von ‚Massenarmut’ die Rede, die auf lateinisch ‚Pauperismus’ heißt:

„Auch die fortschreitende Industrialisierung konnte zunächst nicht genügend Erwerbsmöglichkeiten bereitstellen. Im Gegenteil: Die veränderten Lebens- und Arbeitsbedingungen verschärften den Pauperismus zur Sozialen Frage“. [2]

Doch auch hier interessiert das Geschichtsbuch nicht, wer warum wessen Lebens- und Arbeitsbedingungen so verändern kann, dass die Menschen massenhaft verarmen. Stattdessen agiert wieder ein anonymes Subjekt, hier noch abstrakter gefasst als die ‚fortschreitende Industrialisierung’, und dieses müht sich an einem wiederum sozialen Auftrag ab, der einem irgendwie bekannt vorkommt: Arbeitsplätze schaffen!

Objektiv stellt sich die Lage freilich etwas anders dar: Der kapitalistische Einsatz von Maschinerie hat herkömmliche Arbeitsmittel wertlos gemacht und damit die Handarbeiter ihrer ‚Erwerbsmöglichkeiten’ beraubt, hat diese folglich vor die Tore der Fabriken getrieben, weil sie in ihrer Mittellosigkeit zur Lohnarbeit an diesen Maschinen genötigt waren. In diesem Sinne also hat die Einführung des Kapitalismus arbeitslose Überbevölkerung erzeugt, wozu der Staat das Seine beigetragen hat: Insbesondere mit der Durchsetzung der Geldsteuer hat er große Teile der Landbevölkerung nachhaltig von ihren bisherigen Existenzmöglichkeiten befreit und damit seinerseits die Voraussetzung für ein Heer von Lohnarbeitern geschaffen, das den Kapitalisten zur Verfügung stand.

Im Geschichtsbuch liest sich das dagegen so: Da stößt die Industrialisierung auf arme Geschöpfe ohne Erwerbsmöglichkeiten, wie auf ein Problem, mit dem sie nichts zu tun hat, das sie aber lösen kann. Die Tatsache einer gewaltigen industriellen Reservearmee von arbeitslosen einstigen Bauern und Handwerkern, die den Fabrikherrn gerade recht waren, um die Löhne der Arbeitenden zu drücken, verstaut der Historiker dabei wohl unter der Formulierung, die Industrialisierung ‚konnte zunächst nicht genügend Erwerbsmöglichkeiten bereitstellen’. Zunächst nicht will sagen: dann aber schon, weil es im Prinzip angeblich genau darum ging. So soll sich der aus der historischen Betrachtungsweise ergebende Widerspruch in Wohlgefallen auflösen, dass die Industrialisierung einerseits jede Menge Leute arbeitslos gemacht und verarmt hat, andererseits aber die historische Bühne betreten hat, um genau diesen Missstand zu beheben.

Dabei wird die Tatsache, dass selbst das Glück, eine Erwerbsmöglichkeit in der Fabrik ergattert zu haben, nicht vor elendiger Armut bewahrte, im Geschichtsbuch nicht verschwiegen: „Die Hungerlöhne erzwangen die Arbeit von Frauen und Kindern bei schlechtesten Bedingungen und Arbeitszeiten von 16 bis 18 Stunden.“ Da wäre der Schluss auf einen grundsätzlichen Gegensatz der Interessen naheliegend, also auf eine schlechte Verträglichkeit von Lohn und Kapital: Das Geld, von dem die eine Seite den Lebensunterhalt bestreiten muss, ist für die andere Seite nämlich ein möglichst zu senkender Kostenfaktor; was das Lebensmittel des Arbeiters ist, ist nur das Mittel der Gewinnsteigerung des Fabrikherrn. Dieser Schluss ist freilich im Geschichtsbuch nicht zu finden. Stattdessen wird dem Kapitalismus eine historische Mission, eine Rettungsaktion bescheinigt: „Die Industrialisierung hatte die Massen der Armen vor dem Verhungern bewahrt.“ Da genügt das magere Faktum, dass später in den industrialisierten Ländern kaum wer verhungert ist bzw. die Armut zivilere Formen angenommen hat, als Beleg dafür, dass das der höhere Zweck, sozusagen die geschichtliche Perspektive dieses Wirtschaftssystems wäre. Nach der Logik des Geschichtsbuchs in die damaligen Zeiten eingeordnet, bewahrte der Hungerlohn sozusagen immerhin vor dem Verhungern. Woraus man nebenbei lernt: Ein Vergleich mit Schlimmerem macht das Schlimme halb so schlimm.

Somit zeigt die schon eingangs aufgebaute historische Sichtweise Konsequenz: Alles Handeln der Personen mit ihren maßgeblichen Interessen wird immer gleich einer überpersönlichen Entwicklung zugeschrieben, die Agierenden selbst erscheinen aus dieser Perspektive wie die Erfüllungsgehilfen bei der Bewältigung von Problemen, die ihnen die Geschichte vorgibt. In dieser Verdrehung wird letztlich die historische Entwicklung selbst zur Triebkraft der Geschichte: „Seit dem Ende des 18. Jh. verlief der technische, wirtschaftliche und soziale Wandel ‚revolutionär‘.“ Solchen Formulierungen zufolge haben nicht die Leute ihre Anliegen verfolgt und dadurch etwas geändert, sondern der historische Wandel selbst hat sich gewandelt, in dem Fall ist das mal heftig ausgefallen. Der Gehalt von Sätzen, wo Subjekt und Prädikat höchstens grammatisch auseinanderzuhalten sind, ist zwar fragwürdig, in Geschichtsbüchern aber offenbar gerade geeignet, um manchen Unschönheiten aus der Zeit des Frühkapitalismus ihren historischen Platz zuzuweisen: Wo der Fortschritt so umwälzend war, mag es Kollateralschäden gegeben haben, in der Bilanz steht am Ende aber der Fortschritt.

Dieser Bewertung und Betrachtungsweise entspricht schließlich auch der Name, den die Geschichtsbücher als Überschrift zur Epoche gefunden haben: Mit Industrialisierung soll ein wesentliches Moment der Zeit erfasst sein, in der der Kapitalismus als das die gesamte Gesellschaft umwälzende Wirtschaftsystem durchgesetzt wird. Ein System, das im freien, nämlich eigentumslosen Lohnarbeiter auf der einen, und in der Eigentumsmacht über Kapital, also Geld, Maschinen und Fabriken, auf der anderen Seite seine Grundlagen hat, wird im Begriff Industrialisierung auf die technische Neuerung der Produktionsmittel reduziert. Das befördert die Vorstellung, dass es bei der Sache um so was wie Fortschritt gehen muss. Klar, wenn man die ökonomischen Zwecke außen vor lässt, für die die fortschrittliche Technik das Mittel ist, dann bleibt: ‚Von der Werkstatt zur Fabrik’.

2. Wer stellt und wonach fragt die ‚Soziale Frage’?

Auch mit der so genannten ‚Sozialen Frage’ ist der passende Begriff gefunden, der die verdrehte Sichtweise dieser Geschichtsdeutung fortführt: So wie das Problem nach einer Lösung verlangt, sucht die Frage nach der Antwort, welche dann – so geht die Konstruktion des Geschichtsbuchs – die historische Entwicklung als eigendynamisches Subjekt prompt liefert. Sozial heißt diese ‚Frage’, weil man die Überlebensprobleme, die die Elendsgestalten des Kapitalismus hatten, als welche betrachten soll, die sie der Gesellschaft bereiteten:

„Elend und Rechtlosigkeit prägte die soziale Situation der überwiegenden Mehrheit der Arbeiter und entwickelte sich als „Soziale Frage“ zum brennenden Problem der Gesellschaft.“

Um die Verschiebung in der Betrachtung zu würdigen, sollte man genau auf die Wortwahl achten: „Die veränderten Lebens- und Arbeitsbedingungen verschärften den Pauperismus zur Sozialen Frage“ will sagen: Wenn da Leute in Armut vor sich hin darben, ist das nicht schön für sie. Aber aus der Sicht des Geschichtsbuchs relevant und für Gesellschaft und Staat lästig wird die Sache erst, wenn sich das zu dieser eigentümlichen ‚Sozialen Frage’ auswächst, von der es nämlich dann weiter heißt:

„Sowohl der Staat, die Gemeinden, die Kirchen, das Besitz- und Bildungsbürgertum als auch die Handwerker und die Arbeiter selbst suchten nach Lösungen.“

Schon grotesk, wie die Objekte der Ausbeutung, Handwerker und Arbeiter, sich aus dieser Vogelperspektive angeblich selbst gesehen haben: nämlich nicht so, dass sie selbst Probleme haben, die ihnen das Gewinnstreben des Kapitals zumutet, sondern so, dass sie das soziale Problem sind. So als hätten sie sich selbst aus dem Blickwinkel ihrer sozialverträglichen Verwaltung betrachtet. Aus dieser Warte lassen sich dann alle konkurrierenden und gegensätzlichen Interessen zu einer Problemlösungssuche versammeln, bei der sie zwar verschiedene Lösungsansätze haben, aber auf jeden Fall dasselbe gemeinsame Problem.

In dem Zusammenhang ist im Geschichtsbuch am Rande von ein paar Irrläufern die Rede, die – so sieht es aus – diese historische Perspektive nicht drauf gehabt und deshalb Aufstände angezettelt haben. Nützt ihnen im Geschichtsbuch aber nichts, denn die Erwähnung ihrer Kämpfe kommt ohne die Nennung von Gegnern aus, gegen die sie sich gerichtet hätten. Und so waren aus historischer Sicht die Streiks weniger Kampfansagen an die Unternehmer, sondern eher so eine Art Signal an die Gesellschaft, dass sie ein überfälliges Problem zu lösen hat:

„Massenstreiks führten vor Augen, dass die sozialen Probleme gelöst werden mussten, und sei es nur, um Hunger-Aufstände und Revolutionen zu vermeiden.“

Daher weht offenbar der Wind: Endlich landet die vom Geschichtsbuch der Geschichte angehängte ‚Soziale Frage’ beim zu ihr passenden Adressaten, nämlich bei der staatlichen Herrschaft: „Für den Staat war die Soziale Frage zunächst vor allem eine politische und rechtliche Herausforderung“, will sagen, der Staat griff zu seinen bewährten Mitteln:

„Die preußische Regierung befürchtete, dass der Aufruhr in eine politische Revolution umschlagen könne. Sie reagierte: Soldaten zogen gegen die Aufständischen.“

Daran merkt man aber, dass selbst der Staat von seiner historischen Aufgabe nichts wusste, er musste gewissermaßen erst noch kapieren, dass diese ‚Frage’ geschichtlich schwer unterwegs war: „Der Staat verhielt sich der Sozialen Frage gegenüber zunächst weitgehend gleichgültig.“ Denn wer den Kampfparolen der Aufständischen nicht ablauschen kann, dass sie im Grunde doch nur bittstellerisch die ‚Soziale Frage’ an ihn richten, und deshalb unsensibel mit dem Schießgewehr antwortet, hat die Lösung auch nicht gefunden, so lautet das historische Urteil.

3. Also: „Wer löst die Soziale Frage?“

Der Staat hat die Lösung ‚zunächst’ noch nicht gefunden, so geht erneut die Logik des Geschichtsbuchs. Denn mit der Gewissheit des geschichtlichen Rück- und Durchblicks, die aus dem, dass es so kam, schlicht ein Es-musste-so-kommen „folgert“, vereinnahmt der Historiker die staatliche Gewalt gegen Aufständische als den zwar untauglichen, aber trotzdem ersten Schritt einer Versuchsreihe, die dann mit der Einführung des Sozialstaats ihren krönenden Abschluss fand:

„Höhepunkt(!) der staatlichen Versuche, die Soziale Frage zu lösen, bildete 50 Jahre später im Deutschen Reich die gesetzliche Einführung der Kranken-, Unfall- sowie Invaliditäts- und Altersversicherung.“

Das mit dem ‚Höhepunkt’ scheint dem Autor eingefallen zu sein, weil er nun die Punktlandung der Geschichte bei den Grundpfeilern unserer heutigen Gesellschaft ins Visier nimmt. Der Arbeiterfeind Bismarck kommt dabei zu der historischen Ehre, mit ein wenig sozialer Absicherung des Humankapitals, welche die Abgesicherten von ihrem Lohn mitfinanzieren, den viel nachhaltigeren Weg gefunden zu haben, diese von der Revolution abzubringen, als sie von den Barrikaden zu schießen. So gesehen lassen sich Gewehrsalven und Krankenversicherung glatt als verschiedene Optionen zur Lösung besagter Frage deuten. Jedenfalls findet das historische Urteil Bismarcks politische Tat ausgesprochen raffiniert. Dass dieser Mann des Staates damit verhindern wollte, dass Teile des Volkskörpers aufgrund ihrer Benutzung durch die Fabrikherren für die Wirtschaft selbst und den Staat gänzlich unbrauchbar werden, weil sie vor die Hunde gehen, verschweigen Geschichtsbücher nicht. Als Einwand gegen den Zynismus einer solchen Sicht- und Handlungsweise ist das aber nirgends vermerkt.

Die Kämpfe der Arbeiter um ihre bloße Existenz hatten dabei die trostlose Perspektive, ihr Überleben in einem Wirtschaftssystem hinzukriegen, welches das offenbar von sich aus nicht vorsieht. Auch das sieht der Historiker wiederum ganz anders: Er würdigt es als Beitrag der Arbeiter zur Lösung des Problems, das sie selber darstellten, so als hätten sie der staatsmännischen Lösung auf die Sprünge geholfen. So zurechtgedeutet erhält der heutige Sozialstaat auch noch die historische Weihe, hart erkämpft, also eine Errungenschaft zu sein, was schon wieder für ihn sprechen soll.

Man kann als Historiker, der die Geschichte im Lichte ihres Ertrags für die Gegenwart durchmustert, den Sozialstaat aber auch problematisieren, wobei sich brandaktuelle wie fächerübergreifende Abstecher anbieten. Im hier besprochenen Zusammenhang geht das so, dass man die ‚Soziale Frage’ – der Frage selbst und der Oberstufe gemäß – aus dem 19. Jahrhundert heraus auf eine höhere, fast philosophische Ebene hievt:

„Die Menschen lösten sich (mit der Industrialisierung) zunehmend aus den überlieferten sozialen Bindungen und beanspruchten für sich einen Raum eigener, freier Betätigung.“

So ein Satz muss einem erst mal einfallen, wenn man über die Lohnsklaverei in den elendsten Fabriklöchern schreibt! Aber es geht in dieser Tonlage weiter:

„Durch diese Individualisierung der menschlichen Existenz nahm die Freiheit des Einzelnen zu, der Preis dafür war jedoch der Verlust an Geborgenheit und sozialer Fürsorge. Diese Spannung zwischen dem Anspruch auf individuelle Freiheit einerseits und relativer sozialer Unsicherheit auf der anderen Seite prägt die westlichen Industriegesellschaften bis heute.“

Abgesehen davon, dass in diesem Geschwafel die (früh-)kapitalistische Wirklichkeit nicht mal in der verdrehten Form wieder zu erkennen ist, wird auch kein Gedanke an eine Begründung dafür verschwendet, wieso eigentlich Freiheit und soziale Sicherheit in einem Gegensatz stehen sollen. Als wäre das einfach ein die Zeiten übergreifendes Dilemma der „menschlichen Existenz“. Wie frei auch immer sich darüber schwadronieren lässt: Auch diese Vertiefung der geschichtlichen Entwicklung soll dahin führen, dass man ihr Ergebnis, also die staatliche Gegenwart, zu schätzen lernt:

„Anders als in der Industriegesellschaft des 19. Jahrhunderts sind die Bürger der Bundesrepublik Deutschland jedoch gegen die Risiken von Krankheit, Unfall, Invalidität und Armut im Alter sowie bei Arbeitslosigkeit heute sehr gut abgesichert.“

Wie gesagt: Weil früher so manches schlechter war, ist heute fast alles gut. Da muss man freilich viel Geschichte studieren, sonst merkt man das gar nicht.

4. Ein Nachtrag der unhistorischen Art

Den Sozialstaat gibt es heute in der Tat. Und wer diese Tatsache mit dem 19. Jahrhundert vergleicht, wer also den Sozialstaat damit vergleicht, dass es ihn nicht gab, dem mag womöglich noch Hartz IV als soziale Wohltat vorkommen. Bloß bleiben bei solch roher Parteilichkeit des Geschichtsunterrichts für die heutigen Verhältnisse ein paar grundlegende Einsichten auf der Strecke, etwa: Es ist ein widersprüchliches und für viele schädliches Wirtschaftssystem, das den freien Lohnarbeiter, der vor allem und genau in dem Sinn frei ist, dass er außer seiner Kraft zu arbeiten nichts besitzt, wovon er leben könnte, ganz und gar abhängig und erpressbar macht. Ein System, das ihn zum Mittel der Gewinnrechnungen anderer macht, so dass er aus deren Sicht v. a. eines ist, nämlich zu teuer, zu wenig ergiebig als Quelle des Profits. Somit liegt es in der Logik des Systems und gar nicht im bösen Willen einzelner, dass die Lage derer, die in ihrer Existenz ganz den Geschäften des Kapitals ausgeliefert sind, dem Prinzip nach prekär ist. Was also die Anfänge des Kapitalismus so klar wie sonst was auf den Tisch bringen, ist, dass diese Wirtschaftsweise die menschliche Arbeit, weil sie das Material zur Geldvermehrung ihrer Nutzanwender darstellt, rücksichtslos auspresst und in der – in den Geschichtsbüchern quellenreich illustrierten – Konsequenz ruiniert.

Und der bürgerliche Staat? Die staatliche Obrigkeit zog daraus jedenfalls alles andere als den Schluss, dass, wenn das so ist, diese Wirtschaftsweise verkehrt sein muss und abgeschafft gehört. Wie auch! Denn der Staat war und ist es, der das kapitalistische Wirtschaftssystem mit seiner Gewalt einrichtet und für alle rechtlich verbindlich macht, um den auf diese Art produzierten Geldreichtum für seine Macht zu nutzen. Also sichert er heute die Betroffenen notdürftig ab gegen die ruinösen Konsequenzen, die das System für die arbeitende Klasse und damit einen Großteil seiner Untertanen hat. Bloß: Soll man das als geschichtlichen Siegeszug der Menschlichkeit bejubeln, dass ein für viele so schlecht verträgliches Wirtschaftssystem erfolgreich an der Selbstzerstörung gehindert und am Laufen gehalten wird?


Lesetipp

Die Verhimmelung des Sozialstaats ist nicht auf das Fach Geschichte beschränkt. Im Fach Politik oder Sozialkunde wird sie in kongenialer Weise durchgeführt. Siehe dazu den Beitrag "Das Elend der Sozialen Frage" auf diesen Web-Seiten.


[1] Das waren Zeiten Bd.3 (2008), S.76

[2] Das waren Zeiten 3, S.100

[3] Forum Geschichte 11 (2009),S.101

[4] Grundkurs Deutsche Geschichte Band 1 (1987), S.179

[5] Ebenda

[6] Forum Geschichte 11, S.101 (Grammatikfehler im Original)

[7] Das waren Zeiten 3, S.100

[8] Ebenda

[9] Forum Geschichte 11, S.101

[10] Das waren Zeiten 3, S.100

[11] Grundkurs Deutsche Geschichte 1, S.179

[12] Ebenda: Überschrift des Geschichtsbuchs über das betreffende Kapitel.

[13] Ebenda

[14] Forum Geschichte 11, S.101

[15] Ebenda

[16] Ebenda


Internet-Adresse dieses Textes: http://www.arguschul.net/Geschichte/SozialeFrage.html

©  2015, Redaktion „Argumente zur Schule“, Stand: 2015-01-26zum Anfang der Seite