Argumente zur Schule   –  Kritische Gedanken zur Schule und ihrem Lernstoff

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Der Holocaust

Vom zweifelhaften Ertrag gelungener Vergangenheitsbewältigung

„Für eine vertiefte Beschäftigung mit der NS-Zeit konzentrieren sich die Schüler auf das Zentralproblem des Holocaust“, heißt es im neuen Bayerischen Lehrplan für die Jahrgangsstufen 11/12. Die Konzentration des Unterrichts auf die Opfer des nationalsozialistischen Rassismus legt den Schluss nahe, dass die „vertiefte Beschäftigung mit der NS-Zeit“ mit der moralischen Verurteilung des Nationalsozialismus erreicht ist. Eine Analyse und Beurteilung des Staatsprogramms, dessen Konsequenz unter anderem die Vernichtung der Juden war, ist dabei nicht vorgesehen.

Das ist ganz auf der Linie der auch von der Öffentlichkeit und Politik gepflegten Vergangenheitsbewältigung, wo das Bewältigen des düsteren Kapitels deutscher Geschichte offenbar etwas anderes ist, als es zu erklären und damit zu kritisieren. Vielmehr fährt diese „Kritik“ der Nazi-Zeit mit dem demonstrierten Entsetzen über die „unfassbaren Verbrechen“ des Vorgängerstaates und dem Abscheu vor ihnen auch schon das stärkste „Argument“ auf: Ein „Verbrechen ohne Beispiel“ sind die „Untaten“ des Nationalsozialismus, und vor allem die Massenvernichtung der Juden ist nicht zu erklären, zumal dann nicht, wenn ein „Land mit einer überaus reichen Geistesgeschichte (…) sechs Millionen Menschen ermorden lässt, nur weil sie Juden sind“. Das ist „letztlich niemals zu verstehen“. (Zitiert aus „Holocaust“, SZ vom 28.11.2009)

Wir wollen der Formulierung „nur weil sie Juden sind“ nicht unterstellen, dass sich da jemand sinnvollere Motive für so viele Opfer vorstellen kann. Dieser Massenmord jedenfalls erscheint dem SZ-Autor als absolut sinnlos. Ein solcher „Schluss“, den Vergangenheitsbewältiger jeder Befassung mit der Sache vorschalten wollen, ist freilich nicht der Ertrag ausgiebigen Quellenstudiums. Vielmehr behauptet man die Unerklärbarkeit als das einzig zulässige Urteil, da alles andere die Einzigartigkeit der Verbrechen relativiere. Als ob etwas Einzigartiges nicht zu kapieren wäre – oder anders herum: als ob der, der eine Sauerei erklären kann, damit sagen wollte, dass sie so schlimm nicht gewesen sei!

Von wegen sinnlos: Der Sinn ist gerade das Schlimme

Dabei sind zentrale politische Grundgedanken des Nationalsozialismus, die neben all den anderen auch die rassistischen Brutalitäten zur Konsequenz haben, nicht so einzigartig, und zu erklären sind sie allemal: Wo der Antisemitismus zum Staatsprogramm erhoben wird, liegt dem das Bedürfnis zugrunde, die Nation zu sortieren, in dem Fall in „deutsche“ und „undeutsche“ Bestandteile. Diese Sortierung soll dem Staat einen Volkskörper bescheren, der sich garantiert ihm zugehörig fühlt und ihm bedingungsdlos dient. Dieses staatliche Ideal, diesen radikalen Patriotismus, haben die Nazi-Faschisten nicht erfunden, aber in ihrer Ideologie zu dem Wahn ausgebaut, dass der Mensch ganz ohne eigene Willensentscheidung, durch seine angeborene Naturausstattung auf unbedingte Parteilichkeit für seine Nation festgelegt und nur durch Betrug und Verführung davon abzubringen ist. Daher haben sie noch vor den äußeren Feinden einen inneren Feind zu bekämpfen, der das eigene Volk daran hindert, seiner eigentlichen Bestimmung nachzukommen: Eine schlagkräftige Kampfgemeinschaft zu sein, die feindliche Mächte und Völker, die den Interessen Deutschlands entgegenstehen, besiegt und der Nation nach faschistischer Überzeugung zu ihrer rechtmäßigen Größe und Stärke verhilft. Die Unzufriedenheit darüber, dass es dem Reich an dieser Größe fehlte, die Hitler mit den demokratischen Parteien der Weimarer Zeit geteilt hat, hatte bei ihm zu dem Befund geführt, dass die nationale Schwäche noch vor allen Beschränkungen durch feindliche Nachbarn eine innere war. Damit war der „Schluss“ auf einen Feind fällig, der dort, inmitten der Nation, sein Zerstörungswerk verrichtete und sich zu Unrecht und zum Schaden der eigentlich Dazugehörigen breit gemacht hat. Es war das Unglück der Juden, dass das nationalsozialistische Kampfprogramm sich in erster Linie und gerade sie für dieses Feindbild ausgesucht hat.

Nichts verstehen wollen, aber Verständnis haben

Soweit wäre das durchaus zu verstehen, nicht im Sinne von verständlich finden, sondern von kapieren. Was den deutschen Volksgenossen damals betrifft, so hatte der jedenfalls kaum Verständnisprobleme mit seinem Staat und dessen nationalistischen wie rassistischen Ansagen und Konsequenzen. Eher im Gegenteil. Von daher findet der heutige Vergangenheitsbewältiger nicht nur die Nazi-Gräuel unerklärlich, sondern insbesondere auch, dass das gute deutsche Volk bei diesen tatkräftig mitgemacht hat. Statt sich das wiederum mit der überzeugten Parteinahme für die nationalsozialistische Politik, mit der erfolgreichen Agitation des völkischen Nationalismus und seiner Ausgrenzungswut zu erklären, verbietet man (sich) das mit einem „Das kann doch gar nicht sein!“ und wird für das, was offensichtlich trotzdem war, erfinderisch mit diversen Erklärungen, die dann Entschuldigungen sind.

Eine Fundgrube für diese Art, die unerklärliche Vergangenheit verkehrt zu erklären, sind auch die in der Schule üblichen Geschichtsbücher. Ein Beispiel:

„Die Entrechtung der Juden war ein alter Programmpunkt der NS-Bewegung. Sie sollte dem Hass ein Ventil öffnen, der in vielen Bevölkerungskreisen und in der SA gegenüber der Überrepräsentation von Juden im Kulturbereich (Rechtswissenschaft, Presse, Literatur) und in der Wirtschaft (Banken, Handel) bestand. Damit konnten auch die Ursachen vieler Missstände auf eine Bevölkerungsgruppe geschoben werden. Diese Sündenbockfunktion entlastete also Nation und NS-Herrschaft.“ (Geschichte 12. Cornelsen-Verlag, S. 58 f)

Da sieht man, wie man mit dem Gebot, die Sache nicht zu verstehen, immerhin zu einigem Verständnis findet, wenn es darum geht, die Motive der mitmachenden Bevölkerung nachzuvollziehen. Da wird der Sortierung des Staatsvolks selbst ein gutes Stück recht gegeben, wenn man den Standpunkt, dass die Juden gerade in den Elite-Berufen einfach zu viele – überrepräsentiert – waren, wie einen objektiven Tatbestand hinschreibt. Der legt dann die Aggression in der Bevölkerung nahe und lässt die Leute quasi automatisch nach reinrassig deutschen Bankern und Unternehmern rufen. Der Autor, der sich in den damaligen Hass der Bevölkerung auf Juden zumindest hineinversetzen kann, erklärt dann das Wirken der Nazis nicht an seinem politischen Inhalt, sondern als psychologischen Trick, als ein die Nation entlastendes Öffnen von Ventilen, damit das Volk Dampf ablassen kann. Theorien dieser Art gehorchen immer der „Logik“, dass an dem Opfer irgendetwas dran sein muss, das es zum Feindbild prädestiniert, und schon wird man fündig.

Das kritische Verständnis, das der demokratische Blick von heute für das Volk der Mitmacher von damals übrig hat, erklärt sich auch aus der Sympathie für bestimmte politische Standpunkte und Werte, die sich mit der Demokratie gut vertragen, wenn sie nicht – so sieht man das – von nationalsozialistischen Psychopathen für ihren sinnlosen Wahn missbraucht werden: in erster Linie der hohe Wert der Nation, der Standpunkt ihres Rechts auf Stärke, Größe und Ansehen in der Welt. Eine so selbstverständliche wie gute Sache, die nur von den Nazis mit etwas zu viel „-ismus“ übertrieben wurde. Dann im Innern der Nation: Durchsetzungskraft und Führungsstärke sind zentrale Qualitäten, wie sie das regierte Volk nicht erst, aber natürlich auch von demokratischen Politikern erwartet.

Der Zusammenhang zwischen dem politischen Nationalismus und den rassistischen Gräueltaten kommt also erst gar nicht ins Visier, wo das eine als im Grunde nicht zu kritisieren, das andere aber als unerklärlicher Wahnsinn gilt. Als schlichtweg unbegreifliche Missetat haben die Vergangenheitsbewältiger den Massenmord an den Juden damit erfolgreich aus der Nationalgeschichte ausgegrenzt. Die Vernichtung der Juden war demnach eine so sinnlose wie verwerfliche Tat, ein schwarzes Loch in der Geschichte Deutschlands. Mit der Umbenennung des Vernichtungsfeldzugs in „Holocaust“ wird passender Weise jeder politische Verweis auf den Inhalt gelöscht.

Faschismus bewältigt – Deutschland gut

Genau so ist die nationale Vergangenheit präpariert für den positiven Ertrag, den die Befassung mit ihr abwirft; zuerst wird ihr der Sinn abgesprochen, um ihr einen neuen Sinn zusprechen zu können, womit die Bewältigung der Vergangenheit endlich ihren Vorwärtsdrall für die deutsche Gegenwart und Zukunft bekommt. Denn allein schon die Tatsache, dass sich Deutschland der Erinnerungspflicht nicht entzieht, sondern weiter mutig den Finger in die Wunde legt, soll die sittliche Größe der heutigen Nation bezeugen, die sich zum unnachsichtigen Richter über die „singulären“ Verbrechen der Vorfahren aufschwingt. Wer sich auch nach 70 Jahren noch zu seiner Schuld bekennt und sich vor den Opfern der Vorgängerstaats verneigt, hat die Vergangenheit definitiv bewältigt, indem nämlich ein sehr billiger Beweis gefunden ist, dass der heutige deutsche Staat ganz anders ist: Man erteilt sich selbst den ehrenwerten Herrschaftsauftrag Nie wieder Auschwitz! – und der ist in der Tat kaum zu verfehlen.

So kann die ständige Berufung auf vergangene Untaten produktiv gemacht werden für ein neues nationales Selbstbewusstsein. Die schuldbewussten Rückblicke werden berechnend eingebaut in den aktuellen Nationalismus der BRD und dienen als Rechts- und Rechtfertigungstitel für die politischen Vorhaben der Nation.

Joschka Fischer, ehemaliger grüner Außenminister und Vizekanzler, hat vorgeführt, wie die Instrumentalisierung der Opfer der Nationalsozialisten für die Legitimation aktueller Vorhaben des deutschen Staates geht: Um seinen grünen Parteigenossen die Reste von Pazifismus auszutreiben und sie für eine deutsche Mitwirkung am Jugoslawienkrieg zu gewinnen, stellte er ihnen diese Kriegsbeteiligung als Lehre aus Auschwitz dar. Nicht schlecht: Damit sollen die vom deutschen Staat ermordeten Juden auch noch dafür herhalten, einen Kriegseinsatz des heutigen Deutschland zu legitimieren. So bringt es die Absage an den „übertriebenen Nationalismus“ vergangener Tage glatt zum Freibrief für den heutigen Nationalismus, den gegenwärtige und künftige Vorhaben der Nation verlangen.

Wenn der deutsche Bundespräsident wie an jedem Holocaust-Gedenktag verkündet: „Wir Deutsche werden die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus und das Gedenken an die Opfer wach halten. Wir sehen einen Auftrag darin.“ (SZ vom 28.01.2009), dann ist jetzt vielleicht klar, warum die Vergangenheitsbewältigung immerzu wach gehalten werden muss - obwohl doch unser feines System heute das komplette Gegenteil seines Vorgängerstaats sein soll.


Lesetipp

für den, der die Vergangenheit nicht bewältigen, sondern erklären und kritisieren will:
Konrad Hecker: Der Faschismus und seine demokratische Bewältigung. GegenStandpunkt Verlag, München 1996


Internet-Adresse dieses Textes: http://www.arguschul.net/Geschichte/Vergangenheitsbewaeltigung.html

©  2015, Redaktion „Argumente zur Schule“, Stand: 2015-01-26zum Anfang der Seite