Argumente zur Schule   –  Kritische Gedanken zur Schule und ihrem Lernstoff

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Wie eine Tageszeitung jungen Lesern die Demokratie (v)erklärt

Kurz vor der Bundestagswahl 2009 gab die Süddeutsche Zeitung eine Sonderausgabe für Kinder zu diesem Thema heraus. Die gesamte politische Redaktion der SZ ergriff die Gelegenheit, einen Elementarunterricht in Staatsbürgerkunde abzuhalten und ihren eigenen Glauben an die Unübertrefflichkeit der demokratischen Herrschaftsweise einmal kindgemäß vorzustellen. Dass einem das dabei gesammelte Gedankengut vorkommt, als wäre es aus Sozialkundebüchern abgeschrieben, ist folglich alles andere als zufällig.

1. Demokratie ist: andere über sich entscheiden zu lassen

Den Einstieg bietet eine ganzseitige Collage mit einer Landkarte von Deutschland. Darin antworten Sprechblasen auf die Frage:

”Was machen eigentlich Politiker? Sie bestimmen … ob man erst mit 18 Jahren wählen darf … ob deutsche Soldaten ins Ausland geschickt werden … ob Deutschland zehn, 22, 39, oder 51 Flughäfen braucht … wie sauber das Trinkwasser sein muss … wer bei uns wohnen und arbeiten darf … wie viel Rente Oma bekommt … dass rund um die Uhr Strom zur Verfügung steht … dass Erwachsene Kinder nicht schlagen dürfen … dass Eltern nichts bezahlen müssen, wenn ihre Kinder vom Arzt untersucht werden … dass Kinder in die Schule gehen müssen, der Schulbesuch aber nichts kostet … dass Museen die Schätze der Vergangenheit bewahren … dass man die Uhr von Sommer- auf Winterzeit umstellt.”

Bei dieser Aufgabenliste ist durchgängig ein Oben und ein Unten unterstellt. Die da unten sind Leute, die z.B. als Wähler, als Soldat, als In- oder Ausländer unterwegs sind. Egal, ob die nun gerade in der Ausbildung, in Arbeit oder in Rente sind, ob einer beim Einkaufen, auf Reisen oder im Museum ist, ja sogar beim Blick auf die Uhr: Sie sind für ihre sämtlichen Lebensumstände nicht selbst zuständig, denn darüber wird von höherer Stelle entschieden. Politiker haben schon einen sehr speziellen Beruf: Ihre Arbeit besteht darin, über die Daseinsbedingungen aller anderen zu verfügen. So üben sie Staatsgewalt aus.

Dieses Bild eines in der Tat flächendeckenden, lückenlosen Regiments der Politik über die Bürger zeichnen die Demokratie-Experten aber nicht, um zu fragen, wo da der Wille der Leute bleibt. Vielmehr soll man das staunend dankbar wie eine Ansammlung von Diensten lesen. Locker vermischt, kommen hier Entscheidungen über direkte Gewaltausübung vor (Soldaten ins Ausland schicken), über die Ein- und Ausgrenzung von Ausländern, über die Existenzbedingungen von Leuten (Renten), bis hin zu so harmlosen Vereinbarungen wie der Uhrzeit. Alles zusammen gehört, so soll man sich das vorstellen, naturgemäß zu einem Gemeinwesen, gleichermaßen nützliche Dienste an diesem und seiner Organisation. Dass dazu eine politische Gewalt am Werk ist, wird da kaum bemerkt, es gilt als uninteressant, weil selbstverständlich. Stattdessen darf die Jugend die Politiker bewundern: Was die aber auch für einen riesigen Aufgabenbereich haben! Über all das muss entschieden werden, und die Politiker machen das für uns alle. Respekt!

2. Demokratie ist, wenn man sich die Herrschaft selbst bestellt

Dass die Bürger in ihrer Demokratie also nichts zu bestimmen haben – diese Schlussfolgerung wollten die SZ-Journalisten ihren Lesern nun doch nicht nahe legen. Deshalb werden sie jetzt erst einmal grundsätzlich und gehen an die Wurzeln – des Worts:

”Deutschland ist eine Demokratie. Das ist ein griechisches Wort und bedeutet, dass alle mit entscheiden dürfen, welche Regeln für alle gelten.” (Claus Hulverscheidt)

Mit Fremdwörtern kennt sich der Mann von der SZ aus, und wenn etwas so alt ist wie Altgriechisch, gehört sich allein deswegen schon Ehrfurcht. Aus dem ”Herrschen” im Wort (griechisch: kratein) macht der Journalist aber etwas anderes, wohl vor lauter Freude über den ersten Wortteil 'Volk': das Lob, dass in der Demokratie alle alles mit entscheiden dürfen. Für einen ganz kurzen Moment tut er so, als wären staatliche Gesetze so ungefähr dasselbe wie Spielregeln, die man ausmacht, und als wären die Gesetze, die in der Demokratie gelten, das Ergebnis einer gemeinsamen Beratung und Entscheidung. Dieses urdemokratische Idyll vom allgemeinen Mitreden und -bestimmen baut er einerseits auf, um es andererseits prompt zu dementieren:

”Nun können auch in Deutschland nicht immer alle 68 Millionen Erwachsenen befragt werden, wenn etwa eine Autobahn gebaut werden soll. Das würde zu lange dauern. Deshalb bestimmen die Deutschen ungefähr 600 Menschen, die stellvertretend für alle entscheiden: Die Wähler schicken sie nach Berlin in den Bundestag. ” (CH)

Das so alte wie billige, nämlich technisch-pragmatische Argument für die Abgabe der Macht an gewählte Vertreter – alle befragen geht natürlich nicht, schon wegen der Zeit – war noch nie der wahre Grund für Parlamente, könnte aber in Zeiten von Internet und sonstiger Hochgeschwindigkeitskommunikation wenigstens ein bisschen peinlich sein.

Dass die Sache eher nicht an der Zeit hängt, verrät die nächste Volksweisheit, die sich ebenfalls auf die Vielzahl der Bürger beruft:

”68 Millionen Erwachsene, 14 Millionen Kinder: Allen kann man es nicht recht machen. Aber genau das ist der Job des Bundestags.” (CH)

Sollen wir ihn also bedauern, den Bundestag? Angeblich möchte er es allen recht machen, aber so vielen gleichzeitig kann er beim besten Willen nicht dienen. Allerdings - aus der Vielzahl der Leute ergibt sich das nicht, nicht einmal aus der Verschiedenheit der Interessen. Logisch ist die Behauptung nur, wenn man unterstellt, dass die Interessen der Bürger nicht miteinander vereinbar sind, sich vom Inhalt her gegenseitig ausschließen. Von so unschönen Interessensgegensätzen ist freilich nicht die Rede. Wenn, dann schimmern sie ein wenig durch im Hinweis auf die Unzufriedenheit. Aber die spricht keinesfalls gegen die Demokratie:

”Alle vier Jahre können sie (die Wähler) darüber entscheiden, ob die Mitglieder des Bundestags ihre Arbeit gut gemacht haben: Wer zufrieden ist, wählt den gleichen Abgeordneten noch einmal, wer unzufrieden ist, wählt einen anderen.” (CH)

Unzufriedenheit ist für den Verfasser ganz normal, weil man es ja sowieso nicht allen recht machen kann. Ebenso normal und angebracht erscheint es ihm, dass die Bürger, deren Interessen auf der Strecke bleiben, aus ihrer Ohnmacht nicht den nahe liegenden Schluss ziehen, sich dagegen zur Wehr zu setzen, sondern dass sie ihre Unzufriedenheit konstruktiv und staatstragend in eine Wahlentscheidung umsetzen. Somit können und sollen auch die Unzufriedenen zufrieden sein: Passt ihnen die Politik nicht, wählen sie einfach eine andere Figur an die Macht. So bindet das demokratische Betriebssystem auch sie mit ein und verpflichtet sie auf die nächste Regierung. Bestimmen kann der zufriedene wie der unzufriedene Wähler zwar nichts, aber mit dem regelmäßigen Wählen ist eines auf jeden Fall sicher gestellt: dass weiter regiert wird. Irgendwer muss ja schließlich entscheiden, welchen Leuten es nicht recht gemacht werden kann, oder?

3. Demokratie erfordert: jede Menge Vertrauen

Damit die Regierten die von ihnen verlangte Unterordnung immer so schön konstruktiv in die nächste Regierungsbildung umsetzen, sind die passenden Politiker nötig: solche, denen die Regierten eine gute Portion von Vertrauen entgegenbringen können. Es gehört somit zum ehrenwerten Job der Politiker, genau dafür zu werben und sich dabei als Person voll einzubringen, teilt uns Kurt Kister mit:

“Was Kanzler können müssen. Deutschland zu regieren ist schwierig, Bundeskanzler ein sehr wichtiger Beruf. Und trotzdem gibt es keine richtige Ausbildung dafür … Ein Politiker muss zuerst Menschen überzeugen können: von seinen Ideen, von den Plänen, diese Ideen durchzusetzen, und vor allem von sich selbst. Es hilft dabei, wenn einer gut reden kann. Aber selbst wenn er das nicht so toll beherrscht, muss er Vertrauen schaffen können. Die Wähler müssen der Frau oder dem Mann glauben. Geht das Vertrauen verloren, geht auch die Wahl verloren.” (Kurt Kister)

Durchaus aufschlussreich: Der Politiker muss nichts Bestimmtes studieren, wissen oder können, um die politischen Aufgaben zu bewältigen. Wahlen gewinnen – das ist die wichtigste Fähigkeit! Deswegen muss er es schaffen “zu überzeugen (nicht mit Argumenten, sondern) vor allem von sich selbst”. Wenn also der Bürger in der Sache nichts zu bestimmen hat, sondern als Wähler nur Personen bestimmen darf, die über ihn bestimmen, dann braucht es in der Tat ein sehr grundlegendes Vertrauen in die Person des Regenten. Demokratisch versierte Wähler verlassen sich dabei gar nicht so sehr auf Versprechungen; im Gegenteil misstrauen sie sogar – bestens angeleitet von den journalistischen Meinungsmachern – den Politikern, die zu viele Versprechungen machen. Die Politiker ihrerseits beherrschen entsprechend die Kunst, auch mit “unpopulären Maßnahmen” für sich zu werben. Gelingt das, so spricht man davon, dass man es auf Seiten der Gewählten und vor allem der Wähler mit wahrlich reifen Demokraten zu tun hat.

Diese Reife glaubt ein Journalist beim so gekonnt unterwiesenen Nachwuchs vorwegnehmen zu dürfen, wenn ihn eine gleichsam kindische Begeisterung für diese Herrschaftsform zu einer Hymne an die Demokratie hinreißt:

“Gut, besser, Demokratie: Demokratie ist noch viel besser als eine Wahl. (Geht das überhaupt?) Sie ist etwas ganz Großes. Demokratie findet nicht nur alle paar Jahre statt, sondern jeden Tag: Sie ist das erfolgreichste, beste und friedfertigste Betriebssystem, das es für ein Land gibt.” (Heribert Prantl)

Super!


Internet-Adresse dieses Textes: http://www.arguschul.net/Politik_Gesellschaft/Demokratie_fuer_Kinder.html

©  2015, Redaktion „Argumente zur Schule“, Stand: 2015-01-26zum Anfang der Seite