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Mohammed Junus, Bangladesch: Friedensnobelpreis für einen Bankier

Geschäft ist Hilfe, Kredit ist Menschenrecht

Der Friedensnobelpreis wird üblicherweise verliehen an Organisationen oder Personen, die sich um das verdient gemacht haben, was unsere gewaltträchtige Weltordung für ihre gute Seite hält. Kandidaten sind inter-nationale Vereine wie das Rote Kreuz oder Unterabteilungen der Vereinten Nationen, Politiker, die in kriegerischen Auseinandersetzungen vermitteln, oder Individuen, die unter Gefahr für Leib und Leben den Idealismus der Menschenrechte hochhalten. In die Serie der Laureaten wie Brandt und Gorbatschow, Kissinger und Arafat, Rotes Kreuz und Atomenergiebehörde hat das Nobel-Komitee 2006 einen Bankier eingereiht – Mohammed Junus aus Bangladesch, der Gründer der Grameen-Bank.

Das Geschäftsmodell der Grameen-Bank …

Junus hat in seinem Land eine Art Raiffeisenbank gegründet, die kleine und kleinste Summen auch an die ganz Armen verleiht, indem sie auf pfändbare Sicherheiten verzichtet, die diese ohnehin nicht stellen könnten. Die Sicherheiten ersetzt seine Grameen-Bank (Dorf-Bank) durch eine intensive Überwachung und soziale Kontrolle der Schuldner, eine Technik, die ihr die gigantische Rückzahlungsquote von über 98%‌ ihrer Ausleihungen einträgt. Auf sie nimmt die Bank 20%‌ Zinsen im Jahr – immer noch viel weniger, wie es heißt, als die Wucherer, die sie damit verdrängt. Mit ihren Zinserträgen und stetigen Rückflüssen, mit Spar-Einlagen und dem Verkauf von Genossenschaftsanteilen an ihre Kunden vergrößert die Dorf-Bank ihre Finanzkraft stetig, weitet ihr Geschäftsfeld auf immer neue Dörfer und Dörfler aus und wächst damit noch in ganz andere Dimensionen hinein. Zusammen mit Telenor ist sie inzwischen Eigentümer des größten Mobilfunkbetreibers des Landes – und findet ob ihrer Erfolge weltweit immer mehr Nachahmer auch unter global agierenden Privatbanken, die sich das neu erschlossene Geschäftsfeld nicht entgehen lassen wollen. Das Interesse des echten Finanzkapitals, weit davon entfernt, das Geschäft mit den Armen zu diskreditieren, adelt es endgültig als realitätstaugliches Bankgeschäft.

… und sein guter Ruf als Entwicklungsprojekt

Natürlich wird der Preis des schwedischen Dynamit-Produzenten nicht für eine Finanzinnovation verliehen, mit der sich auf neuen, bisher ungenutzten Feldern Geld machen lässt, sondern für Verdienste um die höchsten Ideale des modernen Imperialismus: Frieden und Entwicklung. Preiswürdig findet das Komitee die bengalische Geschäftsidee denn auch wegen ihres Beitrags zur „Entwicklung von unten“: Der „Bankier der Armen“ hat „Millionen Menschen aus der Armut geholfen.“ (HB, 16.10.2006) Das dürfte übertrieben sein. Was sich aber sagen lässt, ist, dass Junus mit seinen Mikrokrediten aus untätigen, überlebensunfähigen und nutzlosen Armen fleißige, schachernde, dienstleistende und Zinsen zahlende Arme gemacht hat. Und es ist keine Lüge, sondern eine zynische Wahrheit über die ökonomischen Existenzbedingungen auch in der sogenannten Dritten Welt, dass die Indienstnahme des Überlebenskampfes der Armen zugunsten des Bankkapitals den Charakter einer Hilfe, ja der einzig realistischen und wirksamen Hilfe annimmt.

Wie kann Kredit als Hilfe gelten?

Was muss schon alles gelaufen sein, wenn Leben und Arbeiten gar nicht ohne Geld geht, ja, wenn Kredit, für den man vor allem anderen erst einmal dem Verleiher Zinsen zahlen muss, als Hilfe daherkommen kann? Dann müssen alle traditionellen Formen von Kooperation, Arbeitsteilung und sozialem Zusammenhang durch die Macht des Privateigentums aufgelöst und zerstört worden sein. Dieses Eigentum aber gehört, wie die erste Hälfte seines Namens schon sagt, nicht den Armen, sondern reichen Privatleuten und gesellschaften. Weil denen alle Mittel zum Leben gehören und weil sie diese nur gegen Geld herausrücken, sind die Armen auf Gedeih und Verderb aufs Geldverdienen angewiesen. Sie müssten sich also als Lohnarbeiter verdingen. Doch in solchen Ländern gibt es für die Mehrheit gar keine Gelegenheit, für Lohn zu arbeiten; ihre Arbeitskraft ist für den dortigen Geschäftsbedarf einfach überflüssig. „Sich selbstständig machen“ ist keine Alternative. Denn selbst wenn sie nur für sich und ihren Lebensunterhalt arbeiten wollen, fehlen ihnen dafür die einfachsten Mittel. Für sie sind schon die primitivsten Arbeits- und Produktionsmittel – Saatgut, Nähmaschine, Wasserpumpe – unerreichbar, eben weil es ihnen an Geld mangelt. In dieser Situation, in der alle Bedingungen beisammen sind und nur noch ein Geldvorschuss dafür fehlt, dass der mittellose Arme sich in einen Erwerb stürzt und mit seinen Anstrengungen um einen Lebensunterhalt noch Zinsen abwirft, kann eine Bank „helfen“. Wenn der Kapitalismus erst einmal Platz gegriffen hat, geht nichts mehr ohne Kapital – und sei es in homöopathischen Dosen. Die mit Startgeld ausgerüsteten Kleinstunternehmer haben nun das Glück, mit ihrem Angebot sich erstens gegen die Konkurrenz der industriell erzeugten Importprodukte aus den entwickelten Ländern, zweitens gegen den kämpferischen Geschäftssinn von ihresgleichen behaupten und drittens die Ansprüche ihres wohltätigen Gläubigers befriedigen zu dürfen – ehe ihre Arbeit sie ernährt.

Der gute Ruf der Grameen-Bank beruht also, genau wie ihr Geschäftserfolg, auf dem Grundwiderspruch der 3. Welt, dass die Armen auf Lohnarbeit angewiesen sind, ohne dass sich daran interessierte Ausbeuter finden.

Das Geschäftsmodell der Grameen-Bank als Welt-Erziehungsprogramm

Besonders stolz ist Professor Junus darauf, dass sein Entwicklungsprojekt nicht zum x-ten Mal auf Mildtätigkeit hinausläuft, sondern sich in ein echtes Geschäft übersetzt – „ein Geschäft wie jedes andere“ (Handelsblatt), das sich erstens selbst finanziert und wächst und zweitens dafür sorgt, „dass auch die Ärmsten der Armen selbst für ihre Entwicklung arbeiten können.“ (La Sicilia, 14.10.2006) So hat er, wie das Nobelpreis-Komitee meint, mit seiner Geschäftsidee „mehr für die Entwicklung von unten bewirkt als viele Milliarden auswärtiger Entwicklungshilfe.“

„Almosen bringen nichts!“ – diese lang erprobte Wahrheit versteht der philanthropische Ökonom allerdings nicht etwa so, dass einmalige Geschenke und Nothilfen an der Lage der Betroffenen nichts ändern und es schon mehr bräuchte – eine kollektive Organisation der notwendigen Arbeit etwa –, um in seiner Weltregion das Leben erträglicher zu machen. Nein, er versteht den Satz pädagogisch: Er lehnt nicht rückzahlbare Zuwendungen und Entwicklungshilfen ab, nicht weil sie nichts nützen, sondern weil sie die Beschenkten „verwöhnen“, ihnen den Zwang zur Mühsal ersparen und sie wie Drogenabhängige nur immer noch abhängiger vom nächsten Zuschuss machen. Kapitalismus als Erziehungsmittel ist dagegen genau das, was die Elenden brauchen. Ihrer Schaffenskraft, in die Junus großes Vertrauen setzt „Jeder Mensch hat die Fähigkeit, für sich selbst zu sorgen“ –, hilft die streng überwachte Pflicht der Zinsenbedienung auf die Sprünge. Das wirkliche Verhältnis von Zweck und Mittel im Bankgeschäft stellt der ökonomische Volkserzieher damit zwar schon auf den Kopf: Zins zu erwirtschaften, soll nicht der Zweck des Geldverleihens sein, sondern ein raffiniertes Mittel, um den Schuldner zu regelmäßiger Arbeit anzuhalten und an die Härten der Selbstverantwortung zu gewöhnen. Aber das ist eben ein der Volkswirtschaftslehre würdiger Idealismus; und solange die Rückzahlungen funktionieren, kann man ja so tun, als liefen beide Ziele auf dasselbe hinaus: Der Zwang, einen Teil der eigenen Arbeitszeit für die Bank zu arbeiten, geht dann als Hilfe durch, als die beste Erziehung zur Arbeit für sich selbst.

Überhaupt bekennen sich der Preisträger wie seine Laudatoren dazu, dass es ihnen noch mehr um die Hebung der Moral der Ärmsten zu tun ist, als um die Hebung von deren Lebensstandard: „Mit seiner Idee, den Armen durch Kleinstkredite zu helfen, gab er vielen Menschen ihre Würde zurück.“ (Nürnberger Nachrichten, 14.10.2006) Arme Leute, die ihre Rechnungen bezahlen und Schulden tilgen, haben Würde – die Sorte Selbstständigkeit und Respektabilität nämlich, die die Freiheit kapitalistischer Existenzen ausmacht. Genau das ist sie ja auch, die hochangesehene Menschenwürde. Die vertraglich eingegangene Abhängigkeit der Armen vom Mikrokreditgeber ist Unabhängigkeit, die erfüllte Pflicht zur Verzinsung ist Freiheit. Hilfe anzunehmen, wäre dagegen Unselbstständigkeit, Elend und würde zu Recht Verachtung begründen.

Mohammed Junus’ Beitrag zum Weltfrieden

Mohammed Junus hat sich also wirklich verdient gemacht. Erstens um den immer wieder bedrohten Ruf des globalen Kapitalismus. Mit seiner moralisch besonders glaubwürdigen Erfindung, die ihr Motiv, Profit zu erwirtschaften, gar nicht verleugnet, hat er bewiesen, dass sich auch die ganz Armen im Kapitalismus unterbringen lassen; d. h., dass sich auch für sie – wenigstens für einige von ihnen – die Gleichung von Arbeit für den Lebensunterhalt und Arbeit fürs Kapital praktisch installieren lässt, in diesem Fall eben für das Kapital der Bank. Er hat sich zweitens verdient gemacht um die praktische Verankerung eines angepassten Armutskapitalismus in den Weltregionen, die der Rechnungsweise des Kapitals längst unterworfen sind, ohne dass Kapitalisten mit den menschlichen und natürlichen Produktionsbedingungen dort so recht etwas anzufangen wüssten. In einer Zeit, in der ganze Weltregionen in Elend und Gewalt versinken und den Hütern unserer schönen Weltordnung dadurch zum Problem werden, hat das Nobel-Komitee im Geschäft des Herrn Junus einen Beitrag zum Weltfrieden gesehen.


Internet-Adresse dieses Textes: http://www.arguschul.net/Politik_Gesellschaft/Friedensnobelpreis_Junus.html

©  2015, Redaktion „Argumente zur Schule“, Stand: 2015-01-26zum Anfang der Seite