Argumente zur Schule   –  Kritische Gedanken zur Schule und ihrem Lernstoff

  [  Startseite  |  Was wir wollen  |  Das solltet ihr auch kennen  |  Feedback & Kontakt  ]
  

Thomas Hobbes

Staat rettet Menschheit vor Menschheit

1. Wie man sich die staatliche Gewalt erst einmal wegdenkt …

Im Sozialkunde-, Philosophie- und Ethikunterricht wird der Schüler auch mit Theorien über den Staat konfrontiert. Dafür wird gerne weit ausgeholt und auf „Klassiker“ zurückgegriffen, die wie Thomas Hobbes vor einem halben Jahrtausend gelebt haben. Wobei der Engländer nicht einmal als Vordenker der Demokratie gilt, sondern als Anhänger des Absolutismus. [1] Was aber zeitlos gut an ihm sein soll, ist sein theoretisches Anliegen, die „Ansprüche des Einzelmenschen“ und die des Staates „in Einklang“ zu bringen. [2] In einem aufs Abitur vorbereitenden Ethik-Buch wird der Philosoph wie folgt eingeführt:

Die neuzeitlichen Philosophen, die komplexe Staatsgemeinschaften untersuchen, gehen auf den Menschen als Einzelwesen zurück und fragen danach, was ihn veranlasst, sein Zusammenleben mit anderen Menschen staatlich zu regeln. Dazu dient folgendes Gedankenexperiment: Wenn man von allem, was der Mensch dem staatlichen Zusammenleben verdankt, absieht(!), entdeckt man seinen Naturzustand, in dem sich der Mensch frei von allen staatlichen Zwängen und Beschränkungen verhält und sein eigentliches Wesen zeigt. So (…) werden Verhaltensweisen des Menschen bestimmt und die vernünftigen Gründe gesucht, warum und wie er mit seinen Mitmenschen zusammenleben kann und muss. [3]

Es fällt auf, dass diese Art, Staatswesen zu „untersuchen“, von vorne herein das Thema wechselt. Nicht die realen Staaten sind der Gegenstand, sondern diese staatsphilosophische Herangehensweise konstruiert sich einen eigenen. Über den Staat wird so philosophiert, dass man von all dem „absieht“, was man in der Wirklichkeit vorfindet und also den Staat erklären will, indem man ihn erst einmal gezielt wegdenkt, um über den in einen angeblichen „Naturzustand“ versetzten Menschen als „Einzelwesen“ spekulieren zu können. [4]

Unter dieser so genannten „Natur“ des Menschen darf man sich dann wieder nichts Objektives, etwa Biologisches vorstellen, sondern der Philosoph Hobbes richtet sich sein Bild vom Menschen genau so her, dass er an ihm eine Art Urproblem ausmachen kann:

Sooft daher zwei (solche Naturgesellen) ein und dasselbe wünschen, dessen sie aber nicht zugleich teilhaftig werden können, so wird einer des anderen Feind, und um das gesetzte Ziel, welches mit der Selbsterhaltung immer verbunden ist, zu erreichen, werden beide danach trachten, sich den anderen entweder unterwürfig zu machen oder ihn zu töten. [5]

Die Denkart ist so schlicht wie absichtsvoll: So richtig weg ist der Staat gar nicht in dieser Phantasie. Er wird nur kurz vor die Tür geschickt, um ihn dann mit Nachdruck hereinzubitten. Will man die „allgemeine Macht“ [6] – als Retter in der Not darstellen, hängt man der Menschennatur erst mal ein passgenaues Dilemma an den Hals. Also denkt sich der Philosoph den homo sapiens und seine Welt eher kindisch – wo „zwei ein und dasselbe wünschen“ – das ohne Kindergärtnerin, und schon lässt er die Kreaturen übereinander herfallen.

Hobbes selbst hält sein Bild freilich für gar nicht kindisch, sondern dramatisiert es zum Überlebenskampf auf Leben und Tod, wofür er das viel zitierte Wort vom „Krieg aller gegen alle“ [7] erfunden hat. Er sieht das gewalttätige Wesen, das er dem Menschen auf den Leib schneidert, durch das Ziel der „Selbsterhaltung“ gerechtfertigt, das man, so meint er, doch keinem dieser Killer absprechen darf.

Wie gesagt: mit Staat und Gesellschaft, wie Hobbes sie vorfindet und auf diesem „Umweg“ zu erklären antritt, hat seine Anleihe aus dem Tierreich – derzufolge der eine Mensch zum „Wolf“ des anderen wird, um überleben zu können – nichts zu tun, wohl nicht einmal mit dem Tierreich selbst.

Als umso tiefere Einsicht über Mensch und Staat kann das vielmehr nur der geneigte Leser würdigen, der die „Beweis“-Absicht teilt, also wohlwollend den Ruf nach dem Staat vernimmt. Und der wohl insgeheim in die spekulativen Bilder vom Wolfsmenschen doch so etwas wie die wirkliche, ihm vertraute Eigentumsordnung hineindenkt. Zwar wird man Hobbes’ Szenario, wo zwei „ein und dasselbe wünschen“, aber das wäre nur einmal da, schwerlich mit einem Supermarkt oder auch der kapitalistischen Warenwelt zu Hobbes’ Zeiten assoziieren können. Aber die rohe Ideologie, dass der von staatlicher Gewalt ins Recht gesetzte Ausschluss von Gütern dem Menschen seit eh und je im Blut liege und das Privateigentum wie eine genetische Anlage sei, ein Trieb, den Mensch wie Tier einfach in sich haben, findet in diesem Philosophen durchaus einen frühen Kronzeugen.

Bezeichnend ist jedenfalls, dass Hobbes selbst es für einen Beleg der von ihm entworfenen Raubtier-Natur hält, dass es auch die Bibel schon bezeuge:

Aber, möchte jemand sagen, es hat niemals einen Krieg aller gegen alle gegeben! Wie, hat nicht Kain seinen Bruder aus Neid ermordet? Würde er das wohl gewagt haben, wenn schon damals eine allgemein anerkannte Macht, die eine solche Greueltat hätte rächen können, dagewesen wäre? [8]

2. … um dann heilfroh zu sein, dass es sie gibt, die Gewalt des Staates

Man muss da nicht kleinlich werden und etwa nachfragen, wie das Weichei Abel in das Wolfs-Profil passt, ob er gar nur ein verhinderter Killer ist, weil Kain schneller war oder so. Aber ein Rätsel und Widerspruch grundsätzlicher Art bleibt es schon, wie es nun ausgerechnet die aggressive und herrschsüchtige Bestie Mensch zugleich hinkriegen soll, sich – ganz gegen seine „eigentliche Natur“ – zu unterwerfen.

Hobbes lässt den selbst fabrizierten Widerspruch locker links liegen. Sein homo lupus findet den eigenen Drang – immer Mord und Totschlag – irgendwie ungemütlich, gründet einen Staat und unterwirft sich dieser allgemeinen Macht, damit die ihn daran hindert, so zu sein, wie er „eigentlich“ wäre:

Die Absicht und Ursache, warum die Menschen bei all ihrem natürlichen Hang zur Freiheit und Herrschaft sich dennoch entschließen konnten, sich gewissen Anordnungen, welche die bürgerliche Gesellschaft trifft, zu unterwerfen, lag in dem Verlangen, sich selbst zu erhalten und ein bequemeres Leben zu führen; oder mit andere Worten, aus dem elenden Zustande eines Krieges aller gegen alle gerettet zu werden. [9]

Stand eben noch der Zweck der „Selbsterhaltung“ für den totalen Krieg, erzwingt er nun das Gegenteil, die Befriedung. Die schizophrene Kreatur, die beides veranstaltet, ist die willkürliche Ausformung der Abstraktion „Mensch“, die der Philosoph durch seine Menschheitsgeschichte geistern lässt. Stets sind „der Mensch“ oder „die Menschen“ am Werk. Diese Abstraktion will nämlich nicht mal unterscheiden zwischen Leuten, die die Macht an sich bringen, und denen, die genau dieser in welcher Form auch immer eingerichteten Gewalt dann unterworfen sind. Stattdessen wird – wie auch im eingangs zitierten Ethik-Lehrbuch – das alberne Bild von dem Menschen bemüht, der sich mit seinesgleichen an einen Tisch setzt, um über „Wie machen wir mal einen Staat?“ zu befinden. [10]

Reale Staaten, seien sie nun feudal, früh- oder spätbürgerlich oder sonst was, sind nämlich grundsätzlich eine Macht, die die menschlichen Subjekte in ihrem Herrschaftsbereich in einen Zwangsverband eingliedert. Es reicht schon, dass ihr Geburtsort auf seinem Terrain liegt, damit ein Staat das Kommando über sie hat und benutzt. Die höfliche Anfrage „Möchtet ihr von mir beherrscht werden?“ kommt bei echten Staaten eher nicht vor.

Diese bestehen nach innen schlicht auf ihrem Gewaltmonopol, das auch nötig ist, um den Alltag ihrer Bürger rechtlich und ökonomisch so zu organisieren, dass – wie im Fall der modernen kapitalistischen Gesellschaft – der Reichtum sich in Händen weniger Privateigentümer anhäuft und die große Mehrheit, die ihn erarbeitet, davon dauerhaft ausgeschlossen ist. Nach außen bestehen Staaten auf ihrem Recht auf Durchsetzung gegen andere – so weit ihre Gewaltmittel reichen. Da hat der „Schutz“ des Untertanen, den Hobbes als Motiv seiner Staatsgründungs-Idylle anführt, immer seinen Preis. Der kann das Leben sein, auf jeden Fall – im Krieg wie im Frieden – ist es der Gehorsam.

Witzigerweise fallen Hobbes selbst immer wieder „Belege“ aus der staatlichen Realität ein, mit denen er – konsequent haltlos in seiner Denkart – den Realismus seiner Fiktion vom staatsfreien Naturzustand plausibel machen möchte.

Gab es auch gleich niemals eine Zeit, in der ein jeder eines jeden Feind war (wohl nicht mal bei Kain und Abel?), so leben doch die Könige und die, welche die höchste Gewalt haben, miteinander in ständiger Feindschaft. Sie haben sich wechselseitig in stetem Verdacht; wie Fechter stehen sie gegeneinander, beobachten sich genau und halten ihre Waffen in Bereitschaft, ihre Festungen und Kriegsheere an den Grenzen und ihre geheimen Kundschafter im Feindeslande. Ist das nicht wirklicher Krieg? [11]

Allerdings. Dem Herrn Philosophen ist also nicht entgangen, wie gewaltträchtig es unter Staaten zugeht. Groteskerweise führt ihn seine Erinnerung an die Wirklichkeit aber nicht zu dem nahe liegenden Schluss, dass also an den Staatsgewalten der Grund für deren Kriegsbedarf zu suchen sein muss, sondern er meint einen weiteren Beweis anzuführen, dass genau umgekehrt, ohne Staat, totaler Krieg herrscht.

Den im Prinzip gleichen Fehler leistet Hobbes sich, wenn er Beispiele aus dem Innenleben wirklicher Staaten anführt. Sein billiger Trick besteht dabei darin, sich aus der schon staatlich eingerichteten und kontrollierten Welt den Staat hinauszudenken, um dann prompt die gesetzliche und polizeiliche Kontrolle zu vermissen, die zu dieser nicht ohne Grund gewalthaltigen Staatenwelt tatsächlich dazugehört. Für die gruselige Vorstellung, was ohne Staat alles Schlimmes passieren würde, braucht Hobbes sich dann nur an die bekannte Welt zu halten:

Man denke nur, warum bemühen wir uns um Begleiter? Warum versehen wir uns mit Waffen, wenn wir eine Reise antreten? Warum verschließen wir Türen und Schränke, sobald wir uns schlafen legen? Wozu sind Gesetze und Männer, die jede Gewaltsamkeit zu rächen befugt sind? Was hegen wir also für Gedanken von unseren Mitbürgern, Nachbarn und Hausgenossen? Klagst du (= der Leser und Zeitgenosse) durch solche Vorsichtsmaßregeln das Menschengeschlecht nicht ebenso an wie ich? [12]

Um darzulegen, wie „der Mensch“ außerhalb staatlicher Kontrolle wäre, wird das hergenommen, was in staatlich regierten Gesellschaften dauernd passiert. Um also zu beweisen, dass ohne Staat alle Menschen zu Räubern und Mördern würden, beruft sich der Philosoph auf genau den Raub und Mord, den es mit und in Staaten gibt.

Dabei ist es kein Geheimnis, warum Leute ihre Türen und Schränke verschließen: Sie fürchten um ihr Eigentum, wissen, dass es andere gibt, die von Eigentum ausgeschlossen sind und vor illegaler Aneignung nicht zurückschrecken.

Statt sich aber den bürgerlichen Staat und die kraft seiner Gewalt ins Recht gesetzte Eigentumsordnung vorzunehmen und objektiv zu erklären, landet der Philosoph nur erneut bei seinem finsteren Menschenbild. Das braucht er auch, um dem von ihm erstens als Bestie beschimpften Menschen zweitens zum Staat zu gratulieren – und zu seinem Dasein als gezähmter Untertan, das ihm nur angemessen sei.

So etwas kommt heraus, wenn man über den Staat philosophiert, dabei keinen Gedanken auf die Zwecke der staatlichen Herrschaft selbst verliert, sondern sich die Herrschaft aus der Perspektive des Untertanen zurechtlegen will. Prompt gerät dieser als „Mensch“ zum ideellen Auftraggeber der Herrschaft über ihn und die Herrschaft zu einer einzigen Dienstleistung an seiner Natur.

Für ein gutes Abitur sollte der geistig reife Untertan solch rohe Verdrehungen zumindest im Kern eben diese Botschaft abgewinnen und „homo homini lupus est“ dafür souverän zitieren können.


[1] Vgl. H. J. Störig: Kleine Weltgeschichte der Philosophie. Stuttgart 1998, S. 294

[2] Störig, S. 295

[3] Abitur-Wissen Ethik. 2002, S. 87

[4] Passender Weise gliedert sich Hobbes’ Hauptwerk „Leviathan“ in Teil 1 „Vom Menschen“ und Teil 2 „Vom Staat“

[5] Th. Hobbes: Leviathan. Reclam-Ausgabe 2005, S. 113-114

[6] Leviathan, S. 115

[7] Ebenda

[8] Leviathan, S. 116

[9] Leviathan, S. 151

[10] Vgl. oben: „Die neuzeitlichen Philosophen (…) gehen auf den Menschen als Einzelwesen zurück und fragen danach, was ihn veranlasst, sein Zusammenleben mit anderen Menschen staatlich zu regeln.“

[11] Leviathan, S. 117

[12] Leviathan, S. 116


Internet-Adresse dieses Textes: http://www.arguschul.net/Politik_Gesellschaft/Hobbes.html

©  2015, Redaktion „Argumente zur Schule“, Stand: 2015-01-26zum Anfang der Seite