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Das Stichwort: Integration

Dass die hier lebenden Ausländer besser in die hiesige Gesellschaft integriert werden müssen, fordern kritische Ausländerfreunde genauso wie die herrschenden Parteien. Das Ideal von Multikulti hat allseits ausgedient und ist der Warnung vor drohenden Parallelgesellschaften gewichen. Uneinigkeit besteht nur noch darüber, an wem es liegt, dass das fraglos hohe Gut Integration noch nicht hinreichend realisiert ist: Sind es die Migranten selbst, die die wohlmeinenden Angebote einfach nicht wahrnehmen wollen? Oder liegt es eher an den schlechten Bedingungen hier, dass unsere ausländischen Mitbürger in unserer Gesellschaft nicht so recht angekommen sind?

Bei soviel Einigkeit darüber, dass es darauf ankommt, dass die Migranten dazugehören wollen sollen, wird nur noch debattiert, wie das zu bewerkstelligen ist. Die entscheidenden Fragen stehen damit gar nicht zur Debatte: Warum ist Integration eigentlich ein so unumstrittenes Muss, worin besteht das bemängelte Defizit an Zugehörigkeit und wie sieht demnach eine gelungene Eingemeindung aus?

Einen ersten Hinweis für die Frage nach dem Defizit gibt ein Informationsblatt der Bundesregierung, das Integration zu einer „Schlüsselaufgabe unserer Zeit“ erklärt und gleich klarstellt, um wessen Schlüsselaufgabe es sich in der Hauptsache hier handelt:

„Maßgebend ist zum einen die Bereitschaft der Zuwanderer, sich auf ein Leben in unserer Gesellschaft einzulassen und (…) ein sichtbares Zeichen der Zugehörigkeit zu setzen.“ [1]

Auf ein „Leben in unserer Gesellschaft“ haben sich die Zuwanderer ja „eingelassen“: Und das ist offensichtlich genau das Problem. Trotz der jahrzehntelang geltenden Leitlinie, Deutschland sei kein Einwanderungsland und die Ausländer kehrten irgendwann wieder heim, wenn sie nicht mehr gebraucht werden, blieb ein großer Teil, so dass mittlerweile schon die dritte Generation hier lebt. Das heißt, sie arbeiten hier, wenn sie einen Arbeitsplatz finden, betätigen sich als Konsumenten und Steuerzahler und halten sich mehr oder weniger an die deutschen Gesetze oder werden nach diesen abgeurteilt, wenn sie es nicht tun. Insofern unterscheiden sie sich nicht von ihren deutschen Mitbürgern. Das genügt aber offensichtlich nicht, um das Gütesiegel „integriert“ zu erhalten. Dazu müssen sie, wenn sie sich schon so zahlreich hier eingehaust haben und weiter in Deutschland bleiben wollen, „Zeichen der Zugehörigkeit setzen“, die über das hinausgehen, was sie so in ihrem alltäglichen Leben treiben. Sie müssen deutlich machen, dass sie nicht nur nützliche Bestandteile des Staatsvolks sind, sondern auch wirklich „zu uns“ gehören wollen.

Arbeitslosigkeit: eine Frage der Nationalität?

Dabei steht es momentan bereits mit ihrer „Nützlichkeit“ für diese Nation nicht zum Besten. Denn viele Ausländer sind von der Arbeitslosigkeit und der daraus resultierenden Armut betroffen und manche gehen – wie entsprechend abgehängte Inländer auch – den Weg in die Verwahrlosung und Kriminalität. Das ist kein Zufall: Da sie als Gastarbeiter für die unteren Ränge der Jobhierarchie vorgesehen waren, war keiner daran interessiert, ihnen und ihrem Nachwuchs ein Bildungsangebot zu machen, mit dem sie Zugang zu besser bezahlten Arbeitsplätzen gefunden hätten. Soweit Ausländer als „Wirtschaftsflüchtlinge“ oder Asylanten hier gestrandet sind, sorgen staatliche Regelungen dafür, dass sie, wenn sie überhaupt arbeiten dürfen, in die Reihe derer gehören, die von ihrem Lohn nicht leben können oder eben gleich auf Hartz IV angewiesen sind.

Dass im Standort Deutschland jede Menge Arbeitsplätze überflüssig gemacht werden und ein großer Teil der „Menschen mit Migrationshintergrund“ momentan die Reihen der Dauerarbeitslosen und schwer Vermittelbaren füllt, wird ihnen als ihr Defizit angelastet: Sie sind für den Arbeitsmarkt unbrauchbar und kosten den Staat Geld, anstatt zum Wirtschaftswachstum und Staatshaushalt beizutragen. Wer als Ausländer nicht gebraucht wird, grenzt sich aus, so die zynische Logik.

Arbeitslosigkeit und Armut teilen sie zwar mit zahlreichen Deutschen, soweit es aber Ausländer betrifft, sieht der Staat den Grund für ihren prekären Zustand darin, dass sie Ausländer und als solche zu wenig integriert sind. Dass sie irgendwie nicht dazugehören, soll entscheidendes Kennzeichen und Grund für ihre oft missliche Lage sein.

Defizit in Sachen Zugehörigkeit: nix deutsch sprechen

Weil sie keine Arbeit haben, sind sie nicht integriert und ein Grund, dass sie keine Arbeit haben, sind nicht etwa die Unternehmen, die sie entlassen haben, sondern z. B. ihre mangelnden Deutschkenntnisse. Nun waren diese nie ein Hindernis für ihre Dienste als billige „Gastarbeiter“; schließlich hatte das Kapital genügend Arbeitsplätze „geschaffen“, an denen diese so gut wie keine Rolle spielten. Aber für den „Schluss“, dass es letztlich an ihrem Integrations-Defizit liegt, dass sie nicht (mehr) gebraucht werden, taugt der Hinweis auf die Nichtbeherrschung unserer Nationalsprache allemal. Denn mangelhaftes Deutsch ist letztendlich wiederum ein Beleg dafür, dass es an dem geforderten positiven Willen fehlt, „insbesondere durch das Erlernen der deutschen Spreche ein sichtbares Zeichen der Zugehörigkeit zu setzen“. [2]

Dabei nützt es ihnen nichts, dass sie sich in ihrer eigenen Sprache untereinander problemlos verständigen. Im Gegenteil: Gerade das macht sie verdächtig bei argwöhnischen deutschen Mitbürgern und erst recht beim deutschen Staat. Schließlich möchte man doch wissen, was die fremden Mitbürger im eigenen Land so von sich geben, sonst kommt man leicht auf die Idee, dass sie etwas zu verbergen haben. Insofern ist es nicht nur ein Gebot des Anstands, dass sie auf Deutsch kommunizieren; jedenfalls meint die politische Führung, dass sie ein Recht hat zu wissen, woran sie mit ihnen ist. Für sie legt die Tatsache, dass die Ausländer nicht ordentlich deutsch sprechen können, den Verdacht nahe, dass sie es wohl nicht lernen wollen, was wiederum nur bedeuten kann, dass sie es in sehr grundsätzlicher Hinsicht am Respekt vor ihrem Gastland fehlen lassen.

Andererseits wäre selbst mit der Beherrschung der deutschen Sprache, einer Ausbildung und einem Beruf immer noch nicht sicher bewiesen, dass sie vorbehaltlos dazugehören wollen, also integriert sind. Auch in ihrem Privatleben – das auch in einer freiheitlichen Gesellschaft eben nicht einfach Privatsache ist –.zeigen die Migranten, dass sie nicht im eingeborenen Volk aufgehen wollen, wenn sie ihre fremdländischen Sitten und Gebräuche weiterleben. Die Rede ist von drohenden „Parallelgesellschaften“, in denen Frauen Kopftücher tragen oder gar verschleiert sind, in denen mit dem Islam eine eigene Religion gepflegt wird, bei der nicht klar ist, ob sie die weltliche BRD-Herrschaft als höchste Autorität anerkennt, und wo überhaupt ein gewisses Eigenleben herrscht, das der Staat nicht dulden will. Denn darin sieht er ein „Volk im Volk“ entstehen, das, abgeschottet vom Rest der Gesellschaft, nach seiner eigenen Moral und Vorstellung lebt, das er seiner Einschätzung nach zu wenig im Griff hat und dessen Loyalität er sich nicht sicher sein kann, aber sicher sein will.

Integration ist: deutsch denken und fühlen

Verlangt wird ein prinzipiell positives Verhältnis zu der hiesigen Gesellschaft, und zwar ganz jenseits der Lebensumstände, die das Gastland seinen Ausländern beschert. Eine Parteinahme, die unabhängig von allen persönlichen Abwägungen, Interessen, also berechnungslos, zustande kommt, zeichnet den echt integrierten Staatsbürger aus.

„Es geht einfach um die Entscheidung für dieses Land und den Willen, dauerhaft dieser Gemeinschaft anzugehören (…) Schicksalsgemeinschaft, das heißt, dass man gemeinsam die Zukunft bewältigen will. Jeder hat seinen Beitrag dazu zu leisten, jeder an seiner Stelle.“ [3]

Jede staatliche Zumutung als notwendiges Opfer begreifen, weil man zum davon betroffenen Ensemble gehört; die gesellschaftliche Realität mit ihren gegensätzlichen Interessen als Gemeinschaft zu verklären, für die daher kein Opfer zu groß ist. Diese Gesinnung, die beim Inländer als „natürlich“ vorausgesetzt ist und Patriotismus oder Nationalgefühl heißt, muss ein Ausländer schon aufbringen, wenn er in Deutschland heimisch werden und als integriert gelten will. „Wir wollen erreichen, dass Integration ein Prozess wird, bei dem über Bindungen und Bekenntnisse gesprochen wird“, so die Bundeskanzlerin auf dem Integrationsgipfel. Dabei darf es natürlich nicht bei bloßen „Lippenbekenntnissen“ zu Deutschland bleiben, vielmehr muss der Integrierte in allen Lebenslagen zeigen, dass sein „Bekenntnis“ zur neuen nationalen Zugehörigkeit und zu den dort gültigen Werten nichts Aufgesetztes, sondern praktisch zu seiner zweiten Natur geworden ist. An den Migranten soll am besten gar nicht mehr zu erkennen sein, dass sie aus einer anderen Kultur stammen. Alles andere wäre zu wenig „Zeichen der Zugehörigkeit“. Eine Aufforderung zur Assimilation darf man das natürlich nicht nennen, denn schließlich wird ja keiner gezwungen, in Deutschland zu bleiben. Wer sich nicht integrieren will, kann bzw. muss halt gehen. Und genau um diese Sortierung geht es, wenn der Staat die Ausländer-Integration zum Thema macht.

Integration als Maßstab der Sortierung: rein oder raus

Mit den Worten unseres Innenministers hört sich das so an:

„Genau das (die doppelte Staatsbürgerschaft), wäre falsch, weil es integrationsfeindlich wäre … Wollen sie Türken bleiben oder Deutsche werden – das müssen sie entscheiden.“ [4]

Entscheiden können die Zuwanderer natürlich nicht, ob sie einen deutschen Pass erhalten, geduldet werden oder rausfliegen. Diese Sortierung trifft der Staat nach seinen Gesetzen und Standortkriterien. Manchmal genügt der Nachweis eines Arbeitsplatzes in Deutschland mit einem Jahresgehalt von 60.000 Euro, um zu beweisen, dass man integriert bzw. integrierbar ist. Für den Großteil der Migranten, die eher unter dem Verdacht stehen, dass sie uns ausnützen, trifft dies allerdings nicht zu. Sie müssen auf anderem Wege zeigen, dass sie es ernst nehmen mit der Hinwendung zu Deutschland, wenn sie dauerhaft hier bleiben wollen. Doch wie soll man das beweisen? Der Staat jedenfalls unterzieht die Aspiranten einem Wissens- und Wertetest, mit dem er ein Verfahren gefunden zu haben glaubt, die geforderte Hinwendung zum nationalen „Wir“ überprüfbar zu machen. [5] Und macht in diesem Prüfungswahn noch einmal klar, dass das Integrations-Defizit letztlich eben, so der kaum zu erschütternde Verdacht, die fehlende deutsche Gesinnung ist. Dass die wenigsten deutschstämmigen Eingeborenen diesen Test bestehen würden, ist da kein ins Schwarze treffender Einwand. Denn das im Grunde kaum behebbare Defizit, das einem als Ausländer letztendlich angelastet wird, ist schlicht, nicht so richtig deutsch zu sein.

Auch die Ausländerfreunde, die von diesem Sortierungsakt der Obrigkeit wenig, von Integration ansonsten aber sehr viel halten, könnten sich fragen, warum man zu dieser oder zu anderen nationalen Gemeinschaften unbedingt dazugehören soll.


[1] Informationsblatt der Bundesregierung „Der nationale Integrationsplan: Neue Wege – Neue Chancen“ (01.08.2007)

[2] Flugblatt der Bundesregierung, s.o.!

[3] Fraktionsvorsitzender der CDU/CSU zitiert in der SZ v. 18.07.2006

[4] Innenminister Wolfgang Schäuble, Süddeutsche Zeitung Nr. 39 vom 15.02.2008

[5] GegenStandpunkt Heft 2-06: Neues aus dem nationalen Irrenhaus: Der Wissens- und Wertetest für Ausländer. Von der Schwierigkeit, die wahren Deutschen herauszufinden


Internet-Adresse dieses Textes: http://www.arguschul.net/Politik_Gesellschaft/Integration.html

©  2015, Redaktion „Argumente zur Schule“, Stand: 2015-01-26zum Anfang der Seite