Argumente zur Schule   –  Kritische Gedanken zur Schule und ihrem Lernstoff

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Warum darf man Neger nicht Neger nennen?

Ein früherer Bundespräsident begann eine Rede bei einem Afrikabesuch mit den Worten „Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Neger!“, und die weltoffeneren Bildungsbürger unter seinen Landsleuten meinten sich für ihn genieren zu müssen. Denn der oberste Repräsentant aller Deutschen fand seine dunkelhäutigen Gastgeber offenbar so „lieb“, dass er sie netterweise bei der Begrüßung zwar nicht vergessen wollte, aber als „Damen“ oder „Herren“ mochte er sie sich nicht vorstellen. Sein eigentlicher Fehltritt aber war, dass er sie mit dem Wort „Neger“ anredete.

Zum Zeitpunkt von Heinrich Lübkes Rede war es nämlich – kurz nach dem Hitlerreich und dem verlorenen Krieg – für deutsche Politiker angesagt, sich vom Rassismus des Vorgängerstaates abzuheben und das bei der Wortwahl zu berücksichtigen.

Im Wechsel der Bezeichnung sollte sich auch der Wechsel der Betrachtung der schwarzen Rasse ausdrücken: Weg von der Verachtung, hin zur Achtung. Dagegen hat der freundliche Herr Lübke in den Augen seiner Kritiker, die auf der Höhe des Zeitgeistes waren, verstoßen.

Die ihm fehlende Distanz zu der in der Kolonialzeit üblichen Verachtung der Schwarzen hörten sie heraus, weil er ein „unzeitgemäßes“ Wort benutzte.

Das an sich neutrale Wort „Neger“, abgeleitet vom lateinischen Adjektiv „niger“ für schwarz, war das in der Kolonialzeit übliche deutsche Wort für die Ureinwohner Afrikas, die damals als billige Arbeitskräfte oder Sklaven vorgesehen waren, während „Herren“ oder „Damen“ nur Weiße sein konnten, Angehörige der Nationen, die den Kontinent zum Ausplündern unter sich aufgeteilt hatten.

Die Menschen dunkler Hautfarbe, deren Vorfahren aus Afrika stammten und teilweise als Sklaven in die ganze Welt, aber vor allem nach Amerika verschleppt worden waren, nannte man dort – als Sklaven und als rechtlose Billigarbeiter – „Nigger“, seit der Bürgerrechtsbewegung dann „Farbige“, „Schwarze“ oder „Blacks“.

Jede dieser Bezeichnungen wurde nach einiger Zeit wieder als diskriminierende Beleidigung empfunden und entweder von den Schwarzen selbst offensiv verwendet oder sie wurde aus dem Verkehr gezogen. Die analoge Verwendung des Wortes „Weiße“ – etwa in Südafrika oder den USA – wurde dagegen nie als Diskriminierung angesehen, obwohl auch sie den Unterschied zwischen Menschen an der Hautfarbe festmacht.

Dass das so ist, liegt daran, dass die Unterscheidung der Menschen nach Hautfarbe oder anderen Rassemerkmalen die sichere Grundlage ihrer Bewertung kennt. Das ist nämlich die soziale Lage, die die politökonomische Weltordnung den Schwarzen – von wenigen Ausnahmen abgesehen – weltweit zuweist: Sie stellen immer noch den überwiegenden Teil des sozialen Bodensatzes in den USA, darüber hinaus den größten Teil der Bevölkerung in den Elendsregionen der globalisierten Welt, von denen etliche in Schwarzafrika liegen. In Europa sind sie als Elendsimmigranten in die unterste Schicht der Bevölkerung verbannt, bewohnen zusammen mit den übrigen Angehörigen des Subproletariats die Vorstadt-Ghettos. Manche sind als rechtlose Erntehelfer oder Ähnliches geduldet, andere als Asylbewerber von Abschiebung bedroht.

Darauf baut sich dann der Rassismus des ideologischen Urteilens auf, der den Elendsgestalten ihre Lage und Stellung in der Gesellschaft als ihren Mangel anlastet: So wird ihre schlechte soziale Stellung schlicht gerechtfertigt durch eine schlechte Meinung über sie. Das, was die miserablen Lebensumstände mit den Leuten, die sich in ihnen durchschlagen müssen, anrichten, dient dieser so parteilichen wie billigen Denkweise als Beleg dafür, wie gut doch die Wesensart der Heruntergekommenen und ihre soziale Lage zusammenpassen. So lässt sich das Elend, in das die Leute gebracht werden, als Resultat ihres für minderwertig befundenen Charakterschlags besprechen.

Ursprünglich neutrale Namen für Rassen, Völker, Stände und soziale Charaktere, die in der weltweiten Klassen- und Nationenscheidung unten landen, werden genau deshalb zu verächtlichen Bezeichnungen. Dieses Schicksal teilt das Wort „Neger“ mit nicht wenigen anderen Namen von Volksgruppen wie „Kanaken“, „Kaffer“, „Zigeuner“, aber auch mit Bezeichnungen für niedere soziale Stände wie Bauer oder Proletarier („Du Bauer!“, „So ein Prolet“).

Demokratischen Wertvorstellungen zufolge gehört es sich heutzutage zwar nicht mehr, die interessierte Musterung der dann für tauglich oder untauglich befundenen Charaktere an Hautfarbe oder Kopfform, also an der äußeren biologischen Natur festzumachen. Aber die Ideologie, dass der Mensch mit seinen Anlagen mehr oder weniger exakt dem Platz entspricht, den er in der Hierarchie der Gesellschaft einnimmt, hat die moderne, zeitgemäß bürgerliche Legitimation der Verhältnisse mit der Denkart des alten rassistischen Menschenbildes gemein.

Wenn der Mensch heute bekanntlich eine Würde hat und als von Natur aus gleichwertig gilt, bewahrt ihn das nämlich keineswegs davor, dass sein Scheitern in der Konkurrenz der bürgerlichen Welt als Ergebnis seiner mangelnden Begabung, Intelligenz oder seines schwächeren Charakters ausgelegt wird. Diese elementare Ideologie der bürgerlichen Konkurrenz wird in der Regel auch von den toleranten Menschenfreunden nicht in Frage gestellt, sondern höchstens um die Sorge ergänzt, ob man denn auch wirklich aus jedem Individuum das Beste seiner Anlagen herausholt oder manche gar nicht erst dazu (sprich: zu einer fairen Konkurrenz) kommen lässt.

Was jedenfalls die moralische Bewertung der schlechter Gestellten und Erfolglosen angeht, da engagieren sich die Zeitgenossen für political correctness. Sie empören sich über die Verachtung der schlecht gestellten Leute und reden für die Anerkennung, die diesen zustehe. Um das materielle Elend selbst, um seinen objektiven Grund und um die Frage, wie man damit aufräumen könnte, geht es da jedenfalls nicht. Vielmehr ereifern sie sich über den mangelnden Respekt, der den Elendsgestalten entgegengebracht wird, und über die Sprache, die diese Geringschätzung ausdrückt.

Indem sie sich für kritische Sprachpflege stark machen, also „unbelastete“ Namen für die Neger erfinden, halten sie sich selbst für enorm rassismuskritisch, ohne den Rassismus in seiner Logik zu kritisieren oder die Verhältnisse, die ihn hervorbringen. Wo Leute de facto zum Abschaum gemacht und so behandelt werden, fällt diesen Menschenfreunden ein, dass man die Leute dann aber doch bitte nicht so nennen sollte, das sei „diskriminierend“. Und diese Korrektur müsse der Neger dem guten demokratischen Gewissen und Anstand doch wert sein. Sie meinen offenbar, damit sei das größte Unrecht schon mal aus der Welt, und machen die Verwendung ihrer alternativen Wortschöpfungen zum Prüfstein korrekter Gesinnung, so als wäre nicht die Sache schlimm, sondern der Klang der Bezeichnung.

Vielleicht glauben ja manche, es gehe dabei um weit mehr als um Worte und ihre gut gemeinten Umbenennungen seien „der erste Schritt zu“ – bloß zu was eigentlich? Sie sollten sich zu der nüchternen Einsicht herbeilassen, dass sich daraus überhaupt kein zweiter oder dritter Schritt ergibt, weil sie – vorsichtig gesagt – einer naiven Verwechslung aufsitzen. Sie meinen nämlich, die schlechte Lage der Neger oder sonstigen Menschen, die im Elend leben, komme von der schlechten Meinung über sie oder „fange“ mit dieser „an“ – statt genau umgekehrt.

So hat hierzulande einst die Frauenbewegung auf den Respekt vor ihrem Geschlecht gepocht und sich entsprechend sprachkritisch betätigt: Herausgekommen sind zwar keine Lohnerhöhungen für Frauen, dafür aber umso nachhaltigere Resultate wie auch von der Männerwelt anerkannte Rechtschreibfehler in Form von Suffix-Orgien der albernen Art (-Innen). Respekt!

Oder was hat die Unterschicht, die so heißt, weil sie die Unterschicht ist und als solche ihren Dienst tut, davon, wenn gebildete Zeitgenossen – in der Regel also Angehörige der Elite – das Wort vermeiden wollen, weil es einen „abwertenden Beigeschmack“ habe? Woher der wohl kommt! Was also hat der Prolet von der Heuchelei, in Anführungszeichen gesetzt, als „auf menschlicher Ebene“ gleichwertig anerkannt oder vielleicht – ganz wertfrei – „Prekariat“ oder „bildungsferne Schicht“ genannt zu werden? Auf solche Wortkosmetik kommen Leute, die glauben machen wollen, die Arbeiterklasse sei keine mehr, wenn sie das Wort aus ihrem Sprachschatz streichen.

Dass die Unterschicht schlecht bezahlte Arbeit leisten muss, sofern man sie überhaupt benützen will, in miesen Wohnungen haust und unbekömmlichen Fraß zu kaufen kriegt, das kann es nicht sein, was diese kritischen Zeitgenossen stört. Denn sie ergänzen es um das Kompliment, dass genau in seiner Dienstbarkeit fürs Gemeinwesen und als Teil desselben der Unterschichten-Mensch auf jeden Fall und trotz allem gleichwertig sei. Auf diese demokratische Ehre sollten Proleten und andere Neger sich also besser nichts einbilden.


Internet-Adresse dieses Textes: http://www.arguschul.net/Politik_Gesellschaft/Neger.html

©  2015, Redaktion „Argumente zur Schule“, Stand: 2015-01-26zum Anfang der Seite