Argumente zur Schule   –  Kritische Gedanken zur Schule und ihrem Lernstoff

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Die eingebildete Macht des kritischen Konsumenten

Wenn sich Rindfleisch als Pferde- oder Gammelfleisch herausstellt; wenn entdeckt wird, dass Sportschuhe hauptsächlich mit vietnamesischer Kinderarbeit hergestellt werden; wenn in Bangladesch Textilfabriken in Flammen aufgehen oder zusammenbrechen; oder wenn herauskommt, dass der Internetgigant Amazon seine Arbeitskräfte malträtiert, dann sind die einschlägigen Berichte darüber ein beliebtes Material für Diskussionen, so auch im Fach Deutsch, Ethik oder Sozialkunde. Dabei wird der Verbraucher in die Verantwortung genommen: Schließlich ist er es, der die Produkte dieser Art von Geschäftemacherei kauft. Und bei den Preisen sei doch klar, dass so etwas passieren muss. Wenn der Verbraucher nur bereit wäre, mehr zu zahlen, käme so etwas nicht vor.

Das erfüllt den Tatbestand des Schwindels. Denn das alles hat der Kunde mit seinem Kauf nicht bestellt: Bei Qualität und Herstellungsprozess der angebotenen Waren hat er nichts mitzureden, die Entscheidung darüber liegt ganz in der Freiheit des Produzenten. Und nicht zufällig liegt die Attraktivität der so hergestellten Waren gerade in ihren niedrigen Preisen. Daran zeigt sich, dass die Kaufkraft der meisten Konsumenten ziemlich beschränkt ist. Ihre angebliche Entscheidungsfreiheit beim Einkauf unterliegt daher dem Diktat von vorgegebenen Warenpreisen und dem mehr oder weniger großen Spielraum ihres Geldbeutels. Außerdem dürfte es den Mahnern ja wohl auch geläufig sein, dass die Firmen, die diese schändlichen Arbeitsbedingungen einrichten bzw. von ihnen profitieren, kapitalistische Unternehmen sind, die mit dem beschränkten Geldbeutel der einen und der billigen Arbeit der anderen ihr Geschäft machen. Und das besteht nun einmal nicht darin, die Produkte als Dienst am Kunden möglichst billig zu machen, sondern darin, den vergleichsweise niedrigen Preis zum Mittel ihres Gewinns zu machen.

Das schließt einen sehr rücksichtslosen Umgang mit der Arbeit ein: Weil diese einerseits Kosten verursacht, nämlich für die Entlohnung der Arbeiter, die diese Bereicherung mit ihrer Arbeit zustande bringen, lassen sich die Unternehmer immer neue Methoden einfallen, um diese Kosten zu senken. Zum einen auf dem Feld des technischen Fortschritts, mit dem man bezahlte Arbeitskräfte überflüssig, also arbeitslos macht, zum anderen durch pure Lohndrückerei. Für letzteres ist, wie etwa im Fall Amazon, gerade auch die Not und Verzweiflung ausländischer Arbeitskräfte eine günstige Geschäftsbedingung, die nicht zuletzt für die erpresserische Gestaltung von Arbeitsverträgen ausgenutzt wird.

Weil Arbeit andererseits Geld bringt, wird ihren menschlichen Trägern möglichst viel davon abgepresst, auch hier mit der einfallsreichen Gestaltung der Arbeitsbedingungen. Und sofern Unternehmer es verstehen, diese zwei Seiten der kapitalistisch angewendeten Arbeit - als Produktionsfaktor und Kostenfaktor - für ihre Gewinnrechnung in einer Weise zu kombinieren, die mit dem Motto: Leistung rauf, Lohn runter! ausreichend umschrieben ist, hat die überwiegende Mehrheit, die für diese Doppelrolle vorgesehen ist, nichts zu lachen.

Manche besonders rücksichtslose Schikanen gegen die Arbeitskräfte, die in schöner Regelmäßigkeit aufgedeckt und dann gern als Auswuchs bezeichnet werden, sind vielleicht ein Extremfall des marktwirtschaftlich korrekten Umgangs mit der Arbeit, jedenfalls für westeuropäische Verhältnisse, jedenfalls in den meisten Branchen und bis neulich, oder wenigstens meistens… Aber sie sind eben ein extremes Zeugnis dieser Normalität, ein Auswuchs des Standardprogramms. Was es heißen kann, diesem Umgang mit der Arbeit ausgeliefert zu sein, das ist es der Sache nach, was die Reportagen drastisch bebildern. Das Geschäftsinteresse ist den engagierten Journalisten jedoch gleichgültig. Den Zweck des kapitalistischen Geschäfts, dessen Wirkungen den Stoff ihrer Aufdeckung bilden, haken sie leichthin ab: Natürlich geht es da ums Geschäft! Den Grund dafür, dass ein Unternehmen sich im Umgang mit seinen Arbeitskräften solche Freiheiten herausnimmt, entdecken sie und mit ihnen viele gut meinende Konsumenten in dem Umstand, dass es sich die herausnehmen kann. Was die Welt besser macht, ist ein verantwortungsbewusstes Verbraucherverhalten, so ihr Schluss aus den Verhältnissen. Nicht die Veränderung der Produktion ist angesagt, sondern eine der Konsumtion.

Schließlich sind es doch wir alle, die es in der Hand hätten, wirksam gegen untragbare Arbeitsverhältnisse vorzugehen. Wir alle sind also gefragt; als Konsumenten sollen wir unsere Macht entfalten und für anständige Sitten sorgen. Und damit wird unfreiwillig Aufklärung geleistet, diesmal über die Rolle des Konsums im Kapitalismus: In diesem System kann man offenbar nicht einmal benötigte und bereitgestellte Güter verzehren, ohne als Erfüllungsgehilfe in den schädlichen Umgang mit der Arbeit eingebunden zu sein, den die Unternehmer zum Zwecke ihrer Bereicherung pflegen. Ganz ohne eigenes Zutun, ohne ein einziges Wort über die Bedingungen mitzureden, unter denen die von ihm benötigten Güter zustande kommen, ist der Konsument als letztes Glied in einer Kette eingeplant, die im Wirtschaftsteil der Zeitung Wertschöpfungskette heißt und deren Inhalt Gewinnmaximierung ist. Sobald er sich die angebotenen Mittel seines Bedarfs marktgerecht aneignet, also durch einen schlichten Kaufakt, beteiligt sich der Verbraucher - auch der kritische - in der für ihn vorgesehenen Rolle, von der er gar nichts zu wissen braucht, an einem System, dessen Folgen er ablehnt. Mit seinem Konsum funktioniert er als die letzte und unterste Instanz, die all das bestätigt und absegnet, was die maßgeblichen Subjekte der Produktion mit ihrem Kommando über Arbeit für ihren Gewinn als gesellschaftlich notwendig definieren.

Und ausgerechnet in dieser trostlosen Rolle werden wir nun alle zur Tat aufgerufen! Die Macht über die Bedingungen, unter denen gearbeitet wird, soll bei denjenigen bleiben, die solche elenden Arbeitsplätze zum Zwecke ihrer Bereicherung hinstellen; auch die Kriterien, nach denen sie diese Macht anwenden, bleiben unangetastet. Und selbst die radikalsten Appelle an die Allgemeinheit, gegen ausbeuterische Unsitten einzuschreiten, stellen das an dieser Stelle Entscheidende nicht in Frage: die Rolle des mehr oder weniger zahlungsfähigen Käufers, in der der verantwortliche Weltverbesserer auftreten soll. Und damit ist die ökonomische Logik des ganzen Ladens stillschweigend abgenickt.

Die angeblich so großartige Macht, die dem zu freier Güterwahl ermächtigten Konsumenten in dieser Rolle zukommt, ist also ein schlechter Witz: Einem in Misskredit geratenen Unternehmen wird der Kaufakt ja nur dadurch verweigert, dass der Konsument ihn einem anderen zukommen lässt. Auf diese Weise kann der Umsatz des einen Betriebs leiden und der Konkurrent freut sich. Mit diesem Wechsel der Kaufentscheidung hat sich der Konsument ganz innerhalb des Spielfeldes bewegt, das die vielen beklagten Auswüchse überhaupt erst hervorbringt. Wer sich also den Appell zu Herzen nimmt, bewusst einzukaufen, wer es sich außerdem leisten kann, nicht immer nach dem Billigsten zu greifen, der bleibt mit seinem aufgeklärten Konsumverhalten nur das Mittel der Konkurrenz zwischen den vielen Anbietern, von denen einige längst das Premium-Siegel als Verkaufsmasche entdeckt haben. Kein Wunder, dass da ein hoher Preis auch keine Garantie ist, weder für eine bessere Behandlung der Arbeiter noch für ein besseres Produkt. Aber immerhin hat der brave Konsument es versucht, hat Verantwortung gezeigt und sich nichts vorzuwerfen.

Das hat offenbar zum fertigen Kapitalismus gerade noch gefehlt: dass sich das Fußvolk des Systems bei seinem bisschen Konsum aus den Gemeinheiten des Systems ein Gewissen macht.


 
Eine ausführlichere Darstellung der Argumente findet man in der Zeitschrift Gegenstandpunkt, vor allem in den Artikeln „Skandalöse Zustände bei der kapitalistischen Ausbeutung“, Heft 02/2013, und in „Ideologien über Konsum und Konsument“, Heft 02/2010.


Internet-Adresse dieses Textes: http://www.arguschul.net/Wirtschaft/Konsument.html

©  2015, Redaktion „Argumente zur Schule“, Stand: 2015-01-26zum Anfang der Seite