Argumente zur Schule   –  Kritische Gedanken zur Schule und ihrem Lernstoff

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Der Markt

Der Markt gibt der weltweit herrschenden Wirtschaftsordnung den Namen. Also steht er auch auf dem Lehrplan der schulischen Volksbildung. Im Unterricht und in den Lehrbüchern wird er damit erklärt, dass er eine sehr nützliche Sache ist:

"Beim Einkaufen, an der Tankstelle oder bei der Suche nach einer Arbeitsstelle – es gibt viele Anlässe, die Menschen als Anbieter und Nachfrager bestimmter Güter zusammenkommen lassen. Der Ort der Vermittlung der jeweiligen Interessen von Anbietern und Nachfragern wird als Markt bezeichnet." [1]

Ein gefälliges Bild, das das Lehrbuch hier vom Markt zeichnet: Die einen Menschen haben Güter, die anderen können diese Güter gut brauchen. Der Markt bringt die verschiedenen Bedürfnisse zusammen und allen ist gedient.

Jedoch: die Idylle hat einen Haken. Sämtliche Güter, die einen auf dem Markt so nett zueinander führen, haben einen Preis, und der soll auf dem Markt realisiert bzw. gezahlt werden. Damit schauen die Interessen der Markteilnehmer schon nicht mehr so einvernehmlich aus:

"Nun verfolgen die Marktpartner recht unterschiedliche Ziele: Der Konsument will möglichst billig einkaufen, der Produzent möglichst teuer verkaufen. Der Ausgleich der Interessen erfolgt über den Preis." [2]

Hinter der weichen Wortwahl „recht unterschiedlich“ steht ein harter Gegensatz. Schließlich bringen die Anbieter die Güter nicht einfach deshalb auf den Markt, weil sie zu viel davon haben und diese allein gar nicht gebrauchen können. Güter werden in der Marktwirtschaft zu dem Zweck hergestellt, mit ihrem Verkauf mehr Geld zu erwirtschaften, als man an Geld vorgeschossen hat. Unternehmen investieren in Maschinen und Arbeitskräfte und diese Investitionen sollen auf dem Markt einen Überschuss bringen. Die Kosten für den Aufwand für das Produkt müssen sich rentieren, wenn sie das nicht tun, die Waren also nicht mit Gewinn zu verkaufen sind, dann hat das Produkt oder die Dienstleistung ihren Zweck nicht erfüllt und die produzierten Autos landen gar nicht auf dem gelobten Markt, sondern auf der Halde, und Lebensmittel im Müll.

Dabei konkurrieren die Produzenten auf dem Markt mit anderen Anbietern. Der Gewinn, den sie realisieren können, hängt davon ab, inwieweit es ihnen gelingt, ihre Kosten zu senken: Wenn sie billiger produzieren und ihre Waren auf dem Markt daher auch billiger anbieten können, können sie Marktanteile erobern. Der Hebel für die Senkung der Kosten ist der Lohn, die Geldquelle also, die dem "Nachfrager bestimmter Güter" zur Verfügung steht. Er ist in der betrieblichen Bilanz eine Kost, die zwar notwendig ist, aber den Gewinn schmälert. Daher ist es das Interesse der Unternehmer, das Einkommen möglichst gering zu halten sowie Mittel und Wege zu finden, es zu senken oder durch Rationalisierung teilweise überflüssig zu machen.

Auch auf dem Arbeitsmarkt stehen sich also entgegengesetzte Interessen gegenüber: Für die einen ist das Einkommen das Mittel ihres Lebensunterhalts, für die anderen ist ein möglichst niedriger Lohn eine Voraussetzung für ihre Konkurrenzfähigkeit und damit ihres Gewinns. Somit schaffen die Hersteller und Anbieter der Waren wegen ihres Interesses, Profit zu erwirtschaften, auf der Gegenseite genau die beschränkte Zahlungsfähigkeit, die ihnen auf dem Markt als Käufer ihrer Waren gegenübertritt.

Diese Erklärung des Marktes und der ihm zugrunde liegenden Gegensätze passt aber schlecht in das vom Lehrbuch aufgebaute Bild von seiner Nützlichkeit für alle. Deshalb ist der Preis der Gebrauchsgüter, den sie als Waren haben, im Zitat oben gerade nicht der Ausdruck eines Gegensatzes, der zu erklären wäre, sondern er ist sogleich, noch ehe eine Vorstellung von Gegensatz überhaupt aufkommt, der Hebel seiner Vermittlung, da es ja heißt: „Der Ausgleich der Interessen erfolgt über den Preis“. Wie kriegt man diese Verdrehung hin?

Das Lehrbuch liefert hierfür eine recht eigenartige Vorstellung davon, wie so ein Preis zustande kommt. Ihm zufolge hat der Anbieter eine "je individuelle Erwartung, einen bestimmten Preis (für sein Produkt) zu bekommen". [3] In Wirklichkeit hat die Preiskalkulation des Anbieters freilich nichts mit einer "individuellen Erwartung" zu tun. Der "bestimmte Preis" ist eben dadurch bestimmt, dass der Anbieter einen Gewinn aus dem Verkauf erzielen will. Wie hoch dieser ist, wird in der Konkurrenz mit anderen Anbietern entschieden, aber sicherlich nicht im Dialog mit dem Nachfrager, nachdem man dessen "individuelle Zahlungs-Bereitschaft" ermittelt hat. Wenn dieser den Markt betritt, klebt der Preiszettel schon an der Ware und er muss sich überlegen, ob er den geforderten Preis zahlen kann. Falls nicht, liegt das in der Regel nicht an seiner mangelnden Bereitschaft, sondern an einem Mangel an Geld.

Im Weltbild, das Schulbücher von der Wirtschaft malen, werden dagegen auf dem Markt

"Informationen zum betreffenden Gut, zur Zahlungsbereitschaft der Anbieter und zur Erlöserwartung der Nachfrager ausgetauscht. Es bildet sich ein Marktpreis der für alle Anbieter und Nachfrager gilt." [4]

Während also in Wirklichkeit der „Informationsaustausch“ recht einseitig vonstatten geht und das Zustandekommen des Kaufs keine Frage der (fehlenden) Information ist, entwirft das Schulbuch eine Idee von Marktpreis, die höchstens auf Flohmärkten gelten mag. Der Preis wird so gesehen zur Einstellungssache, er soll das Ergebnis einer gewissen Kompromissbereitschaft der Individuen auf beiden Seiten sein:

"Der Preis stimmt Angebot und Nachfrage aufeinander ab und ergibt sich als Kompromiss aus den Preisvorstellungen der Anbieter und Nachfrager." [5]

Der Käufer und Konsument, der in Wirklichkeit das letzte Glied in der Kette der Gewinn- und Konkurrenzkalkulationen der Unternehmer ist, wird in dieser Verfremdung zum „Marktpartner“ auf Augenhöhe stilisiert, der seinerseits mit etwas gutem Willen zum Gelingen des Gemeinschaftswerkes namens Markt beitragen darf.

Die Wahrheit wiederum, dass seine über den Markt vermittelte Bedürfnisbefriedigung weniger eine Frage des Wollens ist, scheint dann selbst durch die Idealisierungen der Schulbuch-Formulierung durch:

"Diejenigen Anbieter und Nachfrager, die zu diesem Preis am Markt teilnehmen wollen bzw. können, befriedigen somit ihre Bedürfnisse.“ [6]

Die ganze Härte dieser Aussage und damit der marktwirtschaftlichen Ordnung wird deutlich, wenn man das passende „nur wenn“ oder „nicht“ dazu liest: Der kaufende Mensch kann seine Bedürfnisse überhaupt nur befriedigen, wenn auf der anderen Seite die Gegenstände seines Bedarfs als Waren, also mit Gewinn produziert und auf den Markt gebracht werden, und nur dann, wenn er seinerseits in der Lage ist, den Preis und damit den in ihm enthaltenen Gewinn zu bezahlen. Ansonsten bleibt er von den Dingen seines Bedarfs einfach ausgeschlossen. Dieser für die Lehrbücher so völlig selbstverständliche Ausschluss ist nämlich die allererste Wahrheit des Marktes. Insofern gelingt der Theorie von der kapitalistischen Wirtschaft, wie sie in den Schulbüchern dargeboten wird, eine unsinnige Verdrehung: Sie beglückwünscht den Markt zu einer wunderbaren Vermittlungsleistung, die es genau seinetwegen erst braucht.


[1] Jöckel, Lange, Thorweger: Politik und Wirtschaft 1, Cornelsen Verlag, 2010, S. 52

[2] Werner Heiring: Im Kreislauf der Wirtschaft, Bank Verlag, Köln, 16. Auflage, S.92 f; zitiert in: Franz Josef Floren: Politik - Gesellschaft - Wirtschaft, Schöningh Verlag, S. 168

[3] Politik und Wirtschaft, Diagramm S. 52

[4] Politik und Wirtschaft, Diagramm S. 52

[5] Im Kreislauf der Wirtschaft, S.92, zitiert in: Politik - Gesellschaft - Wirtschaft, S. 168

[6] Politik und Wirtschaft, Diagramm S. 52


Internet-Adresse dieses Textes: http://www.arguschul.net/Wirtschaft/Markt.html

©  2015, Redaktion „Argumente zur Schule“, Stand: 2015-01-26zum Anfang der Seite